Verhängnisvoller Kult um Opfer und Selbstmord

Die AfD ist eine Partei. Und Parteien haben ihre eigenen Gesetze. Wollen wir erfolgreich sein, müssen wir die Lage erkennen, uns ein Ziel setzen und eine Strategie befolgen, um dieses Ziel zu erreichen. Eine solche Realpolitik ist kein Grund, sich zu schämen. Bismarck machte Realpolitik, innenpolitisch, als er einen Kompromiss mit den früheren Revolutionären der nationalen Bewegung schloss, außenpolitisch, als er mit Bündnissen ein Gleichgewicht in Europa schuf.

Das Gegenteil von Realpolitik ist politische Romantik. Der politische Romantiker schert sich nicht um die Lage. Er erträumt sich eine vergangene Welt. Er bedauert die heutigen Umstände, verwechselt seine Träume mit Strategie und scheitert. Allerdings zieht er aus seinem Scheitern nicht den Schluss, dass er die Augen für die Realität öffnen muss. Im Gegenteil. Gerade in seinem Scheitern sieht er den Beweis dafür, seine Ideen in aller Reinheit vertreten zu haben. Der Erfolg wäre geradezu ein Verrat an der Idee gewesen.

Wir AfDler sind Realpolitiker, keine Träumer. Aber wir haben mit einem Albdruck zu kämpfen, der uns in die Welt des Traums herabziehen möchte. Dieser Albdruck sitzt in der sachsen-anhaltinischen Provinz, dort hat er einst einen Think Tank gegründet und gibt eine Zeitschrift heraus. Er will uns etwas Gefährliches einreden. Wir müssten das Ruder nicht herumreißen, um Deutschland in eine bessere Zukunft zu führen, sondern ein Zeichen setzen, ein Fanal und anschließend untergehen.

Wir wollen aber nicht untergehen, wir wollen siegen. Wir wollen die Kanzlerpartei sein und dieses Land verändern!

Götz Kubitschek hat das Institut für Staatspolitik gegründet und verantwortet die Zeitschrift „Sezession“. Darin zelebriert er seit über zehn Jahren die Geste des Untergangs und gibt sich neuerdings auch als Einflüsterer einzelner AfD-Vertreter. Am 5. September 2014 gab er in einem Beitrag, in dem er „die realpolitische Flexibilität“ der AfD verächtlich machte, noch zu: „AfD? Soll sein, und es ist fast müßig zu betonen, daß ich keine politische Alternative zu formulieren oder gar auf die Beine zu stellen in der Lage bin.“ [1] Am 1. April 2015 schildert er, wie er sich für „das Projekt AfD in dieser mitteldeutschen Ausprägung zu interessieren begann.“ [2]

Was ist passiert? Kubitschek hat die AfD als „Resonanzraum“ für seine verlegerischen Projekte entdeckt, er wolle nun „die Gangbarmachung unserer Argumentationswege in ein bisher unerreichtes Milieu hinein betreiben. Wir sehen aber auch jetzt schon einer Entwicklung zu, die uns nicht gefallen kann: Der Korrumpierung einzelner AfD-Politiker (sehr rasch) und ganzer Partei-Strukturen (ziemlich bald) durch die Privilegien und Vorzüge eines Lebens hinter den Zäunen des Parlaments, und diese Korrumpierung wird dazu führen, daß den grundsätzlich gestimmten und auf die eigentlichen Ziele pochenden Nervensägen die ‚realpolitische Vernunft‘ abgesprochen werden wird, mithin die ‚Politikfähigkeit‘ und die ‚Einsicht‘ in die Kunst des Machbaren.“ [3]

Nun fehlt es in der AfD an einigem, bevor die Partei zu den erfolgreichen rechtspopulistischen Parteien in Europa, zu der FPÖ, zur Lega Nord und zum Front National, aufschließen kann. An einem fehlt es nicht: an Nervensägen. Sobald irgendwo die parlamentarische Arbeit in Angriff genommen oder gar aufgenommen wird, kommt eine Nervensäge und meldet sich mit ihren grundsätzlichen Forderungen, wenn nicht sogar mit ihrem ganz persönlichem Grundsatzprogramm. Würden wir diese Forderungen jedes Mal ernst nehmen, dann könnten wir ganz schnell wieder über die Zäune des Parlaments auf die Straße zurückklettern und dort Parolen skandieren. Das ist nämlich das Hauptbedürfnis derjenigen, die glauben, den „wahren“ Patriotismus für sich gepachtet zu haben.

Sollten wir Angst vor Karrieristen haben? Ja, sofern diese Karrieristen der AfD-Strategie eine andere Strategie unterschieben. Nein, sofern man darunter Leute versteht, die im Parlament und in Wahlkampfbüros professionelle Arbeit leisten, wie es die Freunde von der FPÖ oder der Stab Donald Trumps auch tun. Das Gegenteil des Karrieristen kann der Überzeugungstäter, kann aber auch schlicht und ergreifend der „Dilettant“ sein. Politik ist nichts, was man aus Liebhaberei betreiben kann. Eine Parteikarriere zu machen, bedeutet: jahrzehntelang professionelle Arbeit zu leisten. So arbeiten die Rechtspopulisten andernorts schon lange.

Doch wie sieht das Ideal aus, das der Götz und die Seinen den selbst ernannten „wahren“ Patrioten einflüstern? Es ist der faschistische Künstler, welcher der Realität entflieht und sein Reich der Kunst aufbaut. Eskapismus statt Realismus. Um Politik geht es gar nicht, es geht um das „schöne Leben“, um Ästhetik, Kunst und Distanz zum einfachen Volk. Solch ein Künstler ist zum Beispiel der Dekadenz-Schriftsteller Gabriele D’Annunzio, der nach dem Ersten Weltkrieg eine Hafenstadt an der Adria besetzte, um dort mit seinen Freischärlern eine Theaterrepublik aufzubauen:

„Sie dauerte nur ein gutes Jahr, weil D’Annunzio über der Ausgestaltung seiner protofaschistischen Idee die Verwaltung und die Etablierung vernachlässigte. Aber Dauer war auch gar nicht sein Bestreben: Vielmehr setzte er seine avantgardistischen Vorstellungen von geometrischer Formation und sinnfreier, jedoch aufpeitschender Rhetorik in die Tat um – stilbildend für die Schwarzhemden und die Massenchoreographien der Faschisten diesseits und jenseits der Alpen.“ [4]

Nein, Fiume war kein Staat. Genauso wenig wie die Republik von Saló, über die Mussolini nach seinem Sturz und seiner Befreiung durch die SS herrschte, ein vollwertiger Staat gewesen ist. Aber genau solche Marionetten- und Theaterstaaten hat man anscheinend im Sinn, wenn man in Schnellroda über Staatspolitik spricht. Schnellroda wäre gern das kleine gallische Dorf, das als letztes noch Widerstand gegen die Römer leistet. Ziegen zu melken und Hühner zu schlachten, sei angewandte Staatstheorie. Wer Mehrheiten organisiert, macht sich schon verdächtig, mit den Römern zu kollaborieren. Natürlich organisiert man selbst auch Mehrheiten (oder will es zumindest). Aber kommen diese Mehrheiten zustande, sind sie dadurch gekennzeichnet, dass sie zu allem Bestehenden „Nein“ sagen, aber keine Alternative anzubieten haben. Sowohl vor dem herrschenden System als auch bei der Wahl eigener Kandidaten.

Die Nationalromantik, die in der „Sezession“ eine gewisse Anziehungskraft ausüben mag, weil sie dort eine Bildungshöhe hat, wirkt schnell abstoßend, wenn sie vom einfachen Mann an der Basis nachgemacht wird. Dann verwandeln sich die hehren Worte in Pöbeleien gegen all jene, die professionelle Parteiarbeit leisten wollen, die Programme umsetzen, statt Pathosformeln in die Luft zu blasen. Dann wird Misstrauen gegen das Establishment zur Obstruktion gegen jeden, der die AfD in der Parteienlandschaft etablieren möchte. Und jeder, der mit Leuten im gegnerischen Lager einen Ausgleich zu suchen wagt, wird als „Verräter“ gebrandmarkt und ausgeschlossen.

Der Götzenkult von Schnellroda bietet keine Perspektive, er ist ein purer Opferkult. Im Zentrum steht oft der Selbstmord des Helden, meistens verübt mit großem Brimborium. Viel wichtiger als der Politiker ist für die sachsen-anhaltinische Pseudo-Staatspolitik der verfehmte und gescheiterte Poet, z.B. der faschistische Schriftsteller Pierre Drieu la Rochelle, der im Zweiten Weltkrieg mit den Nationalsozialisten kollaborierte:

„Drieu la Rochelle entzog sich seiner Aburteilung durch ein Gericht und beging im März 1945 Selbstmord. Er tat dies auch unter dem Eindruck des vollstreckten Todesurteils gegen Robert Brasillach (1909–1945), der noch viel stärker als sein älterer Kollege die große Geste als exemplarisch lehrreiches Mittel der Politik beschrieb und den faschistischen Stil an sich dem grauen Alltag der parlamentarischen Demokratie entgegenstellte. Einig waren sich beide aber in dem Wunsch nach Kohärenz, nach ideologischer Sinngebung, die dem einzelnen die Last der Selbststiftung dieses Lebenssinns abnehmen würde.“ [5]

Ein weiterer Held der „Sezession“ ist „der todesbesessene japanische Schriftsteller“ Yukio Mishima, der 1970 mit seiner Leibgarde einen Kommandanten im Hauptquartier der japanischen Armee als Geisel nahm und sich, in eine Phantasieuniform gekleidet, von seinem Geliebten rituell den Bauch aufschlitzen ließ, um ein Bekenntnis zur Kaisertreue abzugeben. [6] Oder der französische Polit-Aktivist Dominique Venner, der als junger Mann statt von einer Partei von einem „mystisch-militärischen Orden“ träumte und sich mit 78 in der Kathedrale Notre Dame zu Paris erschoss. [7]

Dieser ebenso dumme wie blasphemische Selbstmord aus Protest gegen die gleichgeschlechtliche Ehe wird in Schnellroda nicht etwa abgelehnt! Kaum zu glauben, aber wahr. Laut Kubitschek reagierte Venner damit „radikal auf den Weg ins Verderben, den sein Vaterland und Europa seit Jahrzehnten beschreiten. Er reagierte dabei nicht so, wie es uns das liberale System und die offene Gesellschaft nahelegen: ertragend, selbstkritisch, ausweichend, akzeptierend, weich. Venners Reaktion war überlegt, symbolisch, männlich, frei und hart. Und sie war schockierend für all jene, die das Leben quantitativ und nicht qualitativ, individualistisch und nicht eingebettet, hedonistisch und nicht in erster Linie als Dienst auffassen.“ [8]

Sollen diese Personen etwa Vorbilder für die AfD sein? Künstlertypen, die sich getötet haben, weil sie in ihrem Leben keinen Sinn mehr finden konnten? Was sollen wir daraus für unsere Politik folgern? Dass wir möglichst viel Symbolpolitik machen müssen, mit Fahnenträgern und Fackelträgern auftreten und in Reden möglichst viele Tabus brechen? Um die Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes auf uns zu ziehen? Damit unsere Partei verboten wird und mit ihrem Ende einen großen Effekt erzielt?

Fortsetzung folgt.

 

[1] http://www.sezession.de/46161/die-afd-die-realpolitische-flexibilitaet-und-wir.html/2

[2] https://www.sezession.de/49053/hoecke-und-poggenburg-henkel-und-stein-afd-und-pegida.html

[3] http://www.sezession.de/53523/nach-der-wahl-oder-das-sowieso-gefrierende-eis.html/2

[4] http://www.sezession.de/18106/faschismus-und-avantgarde.html

[5] http://www.sezession.de/18106/faschismus-und-avantgarde.html

[6] http://www.sezession.de/2693/fanal-und-irrlicht.html

[7] http://www.sezession.de/wp-content/uploads/2010/07/Venner_Kein-zweiter-Faschismus.pdf

[8] http://www.sezession.de/44483/verzoegerte-reaktion.html

 

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Marcus Pretzell

Marcus Pretzell

Geb. 1973 in Rinteln, ist Europaabgeordneter für die AfD und Landessprecher der AfD Nordrhein-Westfalen.