Wer heute erfolgreich sein will, muss Bilder schaffen

Der Blaue Kanal:

Mit der Zeitschrift „Blaue Narzisse“ haben Sie als sehr junger Mann schon Aufsehen erregt. Man dachte damals, Sie wären der neue Götz Kubitschek oder Dieter Stein. In den folgenden Jahren hatte man dann den Eindruck, dass sie nicht ganz nach vorn in die erste Reihe strebten. Man sah sie mit der Familie auf Langzeitreise in Irland, zwischendurch kamen neue Bücher und Projekte. Täuscht der Eindruck, dass Sie mit gezogener Handbremse fuhren?

Felix Menzel:

Ich gebe Vollgas, keine Sorge. Richtig an Ihrer Beobachtung ist aber, dass ich eine sehr aktivistische Jugend durchlebte und nun seit einigen Jahren in einem Lebensstadium bin, in dem ich andere Schwerpunkte setze und neue Herausforderungen zu bewältigen habe. Politik ist eben nicht alles. Ich versuche, mein Leben ganzheitlich zu betrachten. Das bedeutet, Beruf, Familie, ehrenamtliches Engagement (im Sportverein) und meinen politischen Idealismus in Einklang zu bringen.

Der Blaue Kanal:

Sie haben sich schon 2009 mit politischen Ikonen beschäftigt, die von rechts in die öffentliche Wahrnehmung gestellt werden müssten. Sie waren sozusagen ein Vordenker der Identitären Bewegung. Gelingt die Herstellung politischer Ikonen mittlerweile?

Felix Menzel:

Die Visualisierung politischer Inhalte schreitet mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen voran. Positiv daran ist, dass die Persönlichkeiten hinter bestimmten Positionen sichtbar werden und die Dämonisierung von Patrioten durch die Massenmedien und die etablierten Parteien schwieriger wird.

Als Publizist, der sich gern mit Argumenten auseinandersetzt, sehe ich die überall festzustellende Tendenz der Verflachung dagegen als einen negativen Effekt der Omnipräsenz von Facebook, Youtube und anderen Portalen. Wenn jeder seine Botschaft in ein zweiminütiges Video oder auf eine Bildertafel packen muss, um wahrgenommen zu werden, dann sind leider nur noch die einfachsten Parolen vermittelbar.

Diese Gesellschaftsentwicklung war bereits vor acht Jahren absehbar. Zum Glück haben mittlerweile die Identitäre Bewegung und auch die AfD erkannt, mit welchen Strategien man als politischer Akteur darauf reagieren muss. Wer heute erfolgreich sein will, muss Bilder schaffen, sich selbst in Szene setzen, einprägsame Metaphern anbieten und den Mut zur wohldosierten Provokation aufbringen. Anders geht es nicht.

Aber es lauern dabei auch Gefahren. Mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gesprochen, leben wir heute in Zeiten des „entfesselten Skandals“. Alles kann skandalisiert werden, weil alles öffentlich werden kann: jedes „private“ Bild, jede Rechnung, jeder Besuch bei Bekannten durch einen Smartphone-Schnappschuss. Es gibt heute nicht mehr den Stammtisch oder die Hinterzimmer, in denen man unter sich bleiben konnte.

Unsere gesamte patriotische Gegenöffentlichkeit hat die Tragweite dieser totalen Sichtbarkeit noch nicht begriffen. Wir versorgen so unseren politischen Gegner jeden Tag mit unüberlegten Äußerungen, Interna und anderen Peinlichkeiten. Manchmal ist es also auch besser, einfach mal die Klappe zu halten und nicht alles visuell zu verewigen.

Die Erziehung zur Gewaltlosigkeit hat die Deutschen wehrlos gemacht

Der Blaue Kanal:

Sie waren an der Erhebung „Deutsche Opfer, fremde Täter“ beteiligt, als sich dieses Phänomen im Vergleich zu heute noch im Mikro-Bereich abspielte. Hätten Sie für möglich gehalten, dass die deutsche Gesellschaft eine Gewalt im heutigen Ausmaß über sich ergehen lassen würde, ohne die Parteien vom Hof zu jagen, die ihr das eingebrockt haben?

Felix Menzel:

Um dieses Phänomen, warum es nicht kracht, obwohl es krachen müsste, verstehen zu können, sollten wir uns die moderne Arbeitsteilung zwischen Staat und Bürger vergegenwärtigen. Selbst ein Minimalstaat steht und fällt mit der Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit. Es stellt sich deshalb die Frage, warum die Elite der Bundesrepublik Deutschland ihren Schutzauftrag für die Bürger bis hin zu unkontrollierten, offenen Grenzen vernachlässigen darf, dies nur maximal ein Viertel der Gesellschaft wirklich stört und diese Gruppe dann als Protest lediglich ein Kreuzchen bei der AfD zustande bekommt, aber keine zivilcouragierte Notwehr leistet.

Warum sind die Deutschen bloß so passiv, obwohl ihre eigenen Existenzinteressen massiv verletzt werden?

Meiner Ansicht nach wurde der staatliche Schutzauftrag in den letzten Jahrzehnten nicht nur in Form einer inkonsequenten Durchsetzung des Gewaltmonopols aufgeweicht. Er wurde zugleich ausgeweitet durch die Anschaffung von Überwachungstechnik, die finanzielle Grundsicherung der Bürger und die Verweiblichung des Mannes. Die so vollzogene Erziehung zur Gewaltlosigkeit hat weit mehr bewirkt als nur eine – alles in allem – große Friedfertigkeit der Einheimischen. Sie hat die Deutschen wehrlos gegenüber ihren Herrschern gemacht.

Nach der berüchtigten Kölner Silvesternacht hatte ich kurz die Hoffnung, die Leute könnten jetzt ihre Lethargie ablegen. In Wirklichkeit war sie aber nur der beste Beweis für die tatsächliche Lähmung.

Der Blaue Kanal:

Ich meine, Sie gelten innerhalb der Neuen Rechten als jemand, der einen eher europäischen als nationalistischen Ansatz vertritt. Wem würden Sie sich am ehesten anschließen, Giuseppe Mazzini, Leopold Kohr, Pierre Drieu la Rochelle oder Charles de Gaulle?

Felix Menzel:

Zunächst möchte ich ein paar Worte zum Begriff der „Neuen Rechten“ verlieren: Wenn der politische Gegner mich so bezeichnet, dann ist mir das weitestgehend egal, weil ich diese Fremdzuschreibungen sowieso kaum beeinflussen kann. Als Selbstbezeichnung kann ich damit aber wenig anfangen. Ich brauche keinen Stempel auf der Stirn, damit die Leute wissen, wie ich ticke. Wer sich dafür interessiert, der soll sich direkt mit meinen Standpunkten befassen und wird von mir deshalb auch statt einer Markenbezeichnung eine Auskunft über meine inhaltliche Verortung zu hören bekommen.

Zu Europa: Mazzini gibt uns die Kraft, an das unendlich Unwahrscheinliche zu glauben, also an etwas, das erst übermorgen Realität werden kann. Denis de Rougemont machte den föderativen Gedanken stark, und der spanische Philosoph José Ortega y Gasset hatte den Mut, bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein europäisches Lebensprogramm zu fordern, das den erschlafften Nationen eine neue Vitalität verleihen sollte. Die Namen dieser Personen sind aber zweitrangig.

Ohne Kulturbewusstsein ist Europa ein sinnloses Elitenprojekt

Die Ideen sollten im Mittelpunkt stehen und das heißt: Europa ist nicht die EU. Europa ist die Bewusstwerdung der „Homogenität der Verschiedenheit“, die auch praktische Konsequenzen haben muss. In den Regionen und Nationen muss die Verschiedenheit gelebt werden können, aber darüber hinaus haben wir als Europäer auch gemeinsame Interessen, die eines Tages ein demokratisch beschlossener Staat vertreten könnte. Statt bei der Asylpolitik immer mit dem Finger auf den Nachbarn zu zeigen, sollten wir hier z.B. zusammen unsere Grenzen schützen und illegale Migration abwehren. Dies wird aber nur gelingen, wenn wir uns einig sind, dass es dabei um unsere Selbsterhaltung geht. Ohne dieses Kulturbewusstsein ist Europa ein sinnloses Elitenprojekt, das immer neue Gräben zwischen den Nationen aufreißen wird.

Der Blaue Kanal:

In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie eine alternative Politik, die der oligarchischen Weltmarktwirtschaft eine organische Lebensgemeinschaft entgegenstellt. Können Sie kurz zusammenfassen, was Sie damit meinen?

Felix Menzel:

1833 hat Heinrich Leo eine „Naturlehre des Staates“ verfasst und darin den „organischen Staat“ als ein Gebilde beschrieben, das stets um Ausgleich bemüht sein müsse. Die Religion, das Leben des Geistes, die Ökonomie, die Familie, das Eigentum und die Staatsgewalt sollten in ein Gleichgewicht gebracht werden. Diese Weiterentwicklung der Montesquieu’schen Gewaltenteilung müssen wir wieder populär machen. Gleiches gilt für den Grundsatz: Die kleine Ordnung muss das Vorbild für die große Ordnung sein und die Hauptaufgabe der großen ist es, die kleine zu schützen.

Im politischen Diskurs wird immer viel von Subsidiarität gesprochen, aber niemand nimmt sie ernst, wenn es darauf ankommt. Ich bin jedoch optimistisch, dass wir uns aufgrund des technischen Fortschritts sowieso in diese Richtung bewegen. Wir erleben ja gerade so etwas wie eine „Glokalisierung“. In der Wissensgesellschaft arbeiten kleine Einheiten dezentral zusammen. Das sind beste Bedingungen für Kosmopoliten, aber auch für heimatbewusste Menschen, die nicht mehr zu ihrer Arbeit kommen müssen, sondern die Arbeit kommt zu ihnen.

Der Blaue Kanal:

Ist nicht der Weltstaat die eigentliche Bedrohung? Markt hat keine Gewalt, Staat schon.

Felix Menzel:

Den Weltstaat werden wir nie erleben. Diejenigen, die ihn verwirklichen wollen und deshalb bereits damit begonnen haben, alle gewachsenen Institutionen zu zerstören, stellen aber natürlich eine Gefahr dar. Im Gegensatz zum Weltstaat ist die von Großunternehmen dominierte Weltmarktwirtschaft allerdings schon Realität und hat sich über zweieinhalb Jahrhunderte herausgebildet.

Ich habe vor einigen Tagen bei Friedrich August von Hayek noch einmal nachgelesen, die Konzentration des Kapitals sei nur ein temporäres Problem. Seit der Industrialisierung ist jedoch genau das falsch. Der größte Fehler der Liberalen besteht darin, dass sie immer noch die romantische Vorstellung pflegen, die Wirtschaft sei eine „kleinbetriebliche Demokratie“ (Eduard Heimann). Schön wär´s!

Das Paradoxe dabei: Wir brauchen die richtigen Liberalen, die sich für den Mittelstand und für Dezentralisierung einsetzen, genau dafür, uns der kleinbetrieblichen Demokratie wieder mehr anzunähern.

Die Möglichkeit der inneren Emigration besteht immer

Der Blaue Kanal:

Sie schreiben, der Totalitarismus sei noch nicht überwunden. Inwiefern?

Felix Menzel:

Also zunächst, damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Die harten Totalitarismen des Nationalsozialismus und Bolschewismus unterscheiden sich ganz wesentlich von den sanften Formen der Gegenwart. Der bunte Globalismus strebt auch nicht den totalen Staat an. Vielmehr setzt diese Ideologie auf eine „soft power“, mit der sie alle etablierten Gesellschaftsakteure massiert.

Aber ich möchte behaupten, dass alle Elemente und Ursprünge, die Hannah Arendt in ihrem Klassiker über totalitäre Herrschaft benannt hat, noch immer wirkmächtig sind: Das Aufweichen von Hierarchien, die Atomisierung der Bürger, die Auflehnung der Massen gegen den gesunden Menschenverstand und der Utopismus, der eine „Lügenwelt der Konsequenz“ heraufbeschwört. Noch kürzer gefasst: Sobald der Mensch ein verlässliches Identitätskonzept und die notwendig dazugehörenden Institutionen verliert, beginnt er diese Lücken mit gnostischen Gedanken zu füllen und erschafft sich Traumhorrorwelten.

Der Blaue Kanal:

Das sehe ich ähnlich. Aber kann es in einem totalen Staat ein geheimes Paradies, eine innere Emigration überhaupt geben, wie sie in Ihrem Buch als Hoffnung aufscheint?

Felix Menzel:

Da das Gebet und die stille Verweigerung schon als einfachste Formen der inneren Emigration angesehen werden können, besteht diese Möglichkeit natürlich immer. Zu jeder Zeit und in jedem Regime! Die inneren Emigranten, die wir kennen, Werner Bergengruen z.B., fanden sich mit einem reinen „Die Gedanken sind frei“ jedoch nicht ab, sondern verarbeiteten ihre Beklemmung künstlerisch. Oder schauen Sie sich einmal das Bauernkriegspanorama von Werner Tübke in Bad Frankenhausen an. Das war vielleicht die subversivste Kunstaktion in der DDR.

Das Interview führte Dimitrios Kisoudis.

Felix Menzels Buch kann bestellt werden unter: https://nonkonform-denken.de/alternative

 

Teil 2 folgt nächste Woche.

The following two tabs change content below.
Felix Menzel
Felix Menzel, geb. 1985, studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Vorsitzender des Vereins Journalismus und Jugendkultur, der die Blaue Narzisse herausgibt. Betreibt den Blog Einwanderungskritik.de