Focus: Nach und nach sickern Forderungen der AfD offenbar in den Handlungskatalog anderer Parteien ein. Ist das eine Gefahr für Sie, weil es Ihre Partei überflüssig machen könnte?

Frauke Petry: Im Gegenteil. Wir erleben derzeit in der Tat, dass angesichts des Ernstes der Lage und durch den politischen Druck der AfD Themen aufgegriffen werden, die zuvor noch nicht mehrheitsfähig waren: dass wir unsere Grenzen schützen müssen. Dass der Rechtsstaat flächendeckend wiederherzustellen ist. Dass wir eine starke Währung brauchen, ein vernünftiges Sozial- und Steuersystem und eine angemessene Familienpolitik. Wer das Prinzip der Demokratie so bejaht, wie wir das tun, der muss genau das wollen. Grundsätzlich freue ich mich also, dass die anderen versuchen, zu plagiieren. Ich bin mir nur nicht so sicher, wie ernst das gemeint ist.

Focus: Wie erklären Sie sich, dass es selbst in der Linken inzwischen Stimmen wie die von Frau Wagenknecht gibt, die von Ihrer manchmal nur schwer zu unterscheiden ist?

Frauke Petry: Es gibt mit Frau Wagenknecht Übereinstimmungen. Sicherlich nicht in allen Punkten, aber in einigen. Sie hat sich zum Beispiel zum Nationalstaat bekannt, auf Grundlage einer rationalen Analyse, der ich vollkommen folge. Und dass der Euro Europa schadet, wie Frau Wagenknecht findet, sagt die AfD seit 2013. Ja, ich freue mich über diese Übereinstimmungen. Aber die gibt es nicht nur mit der Linken, sondern auch mit Teilen der Basis der CDU. Und es herrschen auch große Unterschiede: Die Linke gibt vor, die Interessen der einfachen Leute in Deutschland zu vertreten, tut es in der Tagespolitik aber nicht.

Focus: Warum sind Sie eigentlich nicht Mitglied der CDU?

Frauke Petry: Ich habe darüber nachgedacht, in die CDU einzutreten. Ende der 90-er Jahre wäre das die einzige Partei gewesen, die in Frage gekommen wäre. Leider haben alle Strukturen, die wachsen und über Jahrzehnte Bestand haben, die Tendenz zu erstarren. Deshalb wollte ich lieber etwas Neues schaffen, als in etwas Etabliertes einzusteigen. Außerdem braucht Demokratie immer frischen Wind, neue Ideen und auch neue Personen. So wie man im Osten in die SED eingetreten ist, um Karriere zu machen, wenn es für anderes nicht gereicht hat, habe ich in meiner Schulumgebung in Westfalen auch Leute erlebt, die in eine der großen Parteien eingetreten sind, um Gleiches zu erreichen. Ich will das nicht per se verurteilen. Aber diese Art, nur strukturell Karriere zu machen, ohne das immer fachlich unterlegen zu können, war für mich kein Weg. Mir war es immer wichtig, noch in den Spiegel schauen zu können und mein Rückgrat zu behalten. Das geht in großen Parteistrukturen recht häufig verloren.

Focus: Haben Sie politische Vorbilder?

Frauke Petry: Ich schätze Immanuel Kant für seine Klarheit der Worte, auch wenn er kein Politiker war. Ich habe mir als Jugendliche nie Starposter an die Wand geklebt. Mir imponiert aber die Einstellung eines Konrad Adenauer, der ein zerstörtes Land nach dem Zweiten Weltkrieg wiederherstellte. Inhaltliche Vorbilder sind für mich auch Ludwig Erhard und seine soziale Marktwirtschaft sowie Charles De Gaulle und seine Vision des Europa der Vaterländer – ohne dass ich sie einzeln zu Idolen erhebe. Als Hobbymusikerin bewundere ich Bach, Mozart, Beethoven und Mendelssohn.

Focus: Sie spielen Klavier und Orgel. Was davon häufiger?

Frauke Petry: Früher Orgel, heute eher Klavier, aber einen Gottesdienst musikalisch zu begleiten, macht mir nach wie vor viel Freude.

Focus: Wirklich? Manche Repräsentanten der Kirche haben erhebliche Probleme mit der AfD und warnen vor ihr.

Frauke Petry: Ich bin evangelisch und nach wie vor Teil dieser Kirche. Es ist zutiefst unchristlich, Menschen die Tür zu schließen. Das tut die Kirche, wenn Sie behauptet, Christen könnten nicht in der AfD sein oder AfD wählen.

Focus: Bedeutet es für Sie noch etwas, dass Sie bis zum Teenageralter in der DDR lebten?

Frauke Petry: Ich bin in der kindlichen Überzeugung aufgewachsen, dass wir die DDR eines Tages verlassen werden. Mein Vater wollte immer weg aus dem Osten. Er brauchte dafür mehrere Anläufe. Als er dann die Gelegenheit hatte, nutzte er sie und blieb in der Bundesrepublik. Dafür bin ich meinen Eltern bis heute dankbar. Ein Umzug in dem Alter ist eine Zäsur im Leben, für mich persönlich eine sehr positive. Ich habe alle Möglichkeiten genutzt, die der demokratische Staat und sein Bildungssystem mir boten.

Focus: Spielt die Ost-West-Frage heute noch eine Rolle?

Frauke Petry: So schnell, wie es Bundeskanzler Helmut Kohl damals versprochen hatte, konnte es mit dem Zusammenwachsen nach menschlichem Ermessen nicht gehen. Heute ist es eine Frage, die verschiedene Generationen verschieden beantworten. Meine Kinder fühlen die Grenze nicht mehr, weil sie sie selbst nicht erlebt haben. Ich hingegen fahre noch heute über die A2 oder die A4 und weiß, wo dort einst die Grenzbefestigungen waren. Was jedoch überhaupt nicht hilft, ist die wiederkehrende Diffamierung des Ostens.

Focus: Sie meinen die hier und da vorhandene Meinung, die AfD gedeihe in den neuen Ländern besonders gut, weil es sich dabei um „Dunkeldeutschland“ handele?

Frauke Petry: Die Kreation und Benutzung solcher Vokabeln – auch durch führende Politiker – halte ich für ein Zeichen politischer Unreife.

Focus: Sie sind vierfache Mutter und erwarten Ihr fünftes Kind. Ist Familienpolitik einer Ihrer persönlichen Schwerpunkte?

Frauke Petry: Das ist sie für mich schon immer gewesen, auch bevor ich Kinder hatte. Nach meinem Umzug von Ost nach West ist mir in den 90-er Jahren aufgefallen, dass man im Westen mit dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf damals noch ganz anders umging und sie weithin für unmöglich hielt. Allein das Wort „Rabenmutter“! Das gab es im Osten und auch im europäischen Ausland nicht. Familie war im Westen Privatsache, die Vokabel ein Symbol dafür, dass man die Familie im Westen politisch links liegen gelassen hat. Inzwischen hat es einen politischen Schwenk gegeben von der kompletten Verurteilung etwa der Kinderkrippe hin zu einer Überbetonung der außerfamiliären Kinderbetreuung. Auch dies ist einseitig und lebensfern.

Focus: Hat man Sie „Rabenmutter“ genannt?

Frauke Petry: Das ist mir 2002 vorgeworfen worden, als meine erste Tochter geboren wurde. Ich habe Kinder bekommen, weil ich immer Kinder haben wollte und ich gern mit ihnen zusammen bin. Entscheidend ist aber nicht nur die Zahl der Stunden, die man mit den Kindern verbringt, sondern wie man aufeinander eingeht und sich gegenseitig ernst nimmt. Letztlich muss jede Familie für sich entscheiden, was für sie gut ist, und der Staat muss Rahmenbedingungen schaffen, damit Familienleben stattfinden kann.

Focus: Wie organisieren Sie Ihr Familienleben?

Frauke Petry: Ich war schon als Unternehmerin viel unterwegs, und das hat sich mit der Politik auch nicht geändert. Ansonsten mache ich es wie jede andere Mutter auch: Ich mache Frühstücksbrote, bringe meine Kinder zur Schule, hole sie wieder ab, gehe mit ihnen zum Klavierunterricht, zum Schwimmunterricht. Abends trifft man sich zu Hause am Esstisch und wertet gemeinsam den Tag aus. So habe ich Familienleben bei meinen Eltern erlebt, die beide berufstätig waren. Das versuche ich so oft wie möglich hinzubekommen. Sechs bis sieben Stunden Schlaf müssen dabei reichen, und wenn weniger ist, ist es auch nicht schlimm.

Focus: Wie hart wird der Bundestagswahlkampf? Gibt es für Sie Tabus? Können Sie als Frau es sich möglicherweise erlauben, mit Bundeskanzlerin Merkel härter umzuspringen, als ein Mann es wagen würde?

Frauke Petry: Ich freue mich sehr auf den Wahlkampf. Bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 14. Mai hat er für mich durch meine Schwangerschaft eine besondere Note, im Bundestagswahlkampf brauche ich einen weiteren Kindersitz im Auto. Für mich ändert sich dabei nicht so viel, weil ich auch mit den ersten vier Kindern kurz nach der Geburt in die Uni und später in die Firma gegangen bin und sie auf diese Weise immer nah bei mir hatte. Und nein, ich glaube nicht, dass die AfD noch härter werden muss. Mir persönlich macht es nicht per se Freude, bis an die Grenze der rhetorischen Erträglichkeit zu gehen. Das wird mir zwar gerne unterstellt. Tatsächlich habe ich jedoch nur im Umgang mit den Medien gelernt zuzuspitzen, um gehört zu werden.

Focus: Noch ist nicht entschieden, ob die AfD mit einem Spitzenkandidaten oder einer -kandidatin antritt oder mit einem Wahlkampfteam. Darüber soll ein Bundesparteitag im April befinden. Was empfehlen Sie ihm?

Frauke Petry: Ich halte mich wie bisher in dieser Frage öffentlich zurück. Die Partei muss sich nur darüber klar sein, dass wir eine funktionale Lösung brauchen. Mehrfachspitzen à la SPD-Troika sind dem Wahlkampf wenig förderlich, wenn tatsächlich dabei verdeckt der Kampf um die zukünftige Fraktionsspitze ausgetragen wird. Ich bin mir sicher, dass die Partei das im Hinterkopf hat. Und manchmal ist die Basis ja vernünftiger als mancher Spitzenrepräsentant.

 

Das Interview mit Frauke Petry ist in einer kürzeren Fassung abgedruckt im neuen Focus Nr. 3 / 2017.

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Frauke Petry

Frauke Petry

Frauke Petry, geboren in Dresden, ist seit 2013 Bundessprecherin der AfD und Vorsitzende der AfD Sachsen. Sie studierte Chemie in Reading (Vereinigtes Königreich) und Göttingen. 2004 wurde sie am Göttinger Institut für Pharmakologie und Toxikologie mit magna cum laude promoviert. Petry war Vorstandsmitglied des Jungchemikerforums der Gesellschaft Deutscher Chemiker, von 1998 bis 1999 dessen Bundessprecherin, und gründete das Chemie-Unternehmen PURinvent GmbH in Leipzig. Sie ist ausgebildete Chorleiterin und Organistin. 2012 erhielt Frauke Petry das Bundesverdienstkreuz für "Courage und Tatkraft im Bereich Forschung und Entwicklung“. Sie hat vier Kinder.