Schafft die Partei die Kurve vom Wutbürgertum zur Gegenelite?

Die AfD steht auf zwei Beinen. Das eine Bein ist eine wissenschaftlich begründete Alternativ-Theorie. Ansätze der Volkswirtschaftslehre, der Bevölkerungswissenschaft, der Politiktheorie, die im Mainstream ohne Verwendung blieben, fanden in der AfD eine Möglichkeit zu sprießen. Das andere Bein ist das Wutbürgertum. Um zu einer Protestpartei wahrnehmbarer Dimension zu werden, brauchte die AfD eine Basis von Mitgliedern und Wählern, die nicht bereit waren, die Auswüchse der Euro-Rettung, der Masseneinwanderung und außenpolitischen Unterwerfung länger mitzumachen.

Im Idealfall hätte sich in der Anfangszeit eine Theorie herausgebildet, die beide Beine der AfD synchronisiert. Stattdessen berief man sich auf den „gesunden Menschenverstand“, der als Anfangskompromiss seinen Zweck hatte, der aber nicht dazu zu gebrauchen war, Wutgefühl und Gedanken in Einklang zu bringen. Schon zu Lucke-Zeiten ging der Gleichschritt schief. Die Wutbürger wollten schneller marschieren als der bedächtige Professor – und so ließen sie den Professor zurück. Zu Recht. Spätestens jetzt aber hätte es einer Parteiideologie bedurft, um ein wirklich gemeinsames Ziel auf der weiteren Marschroute vor Augen zu haben.

An dieser Stelle der Geschichte verketteten sich unglückliche Umstände, die außerhalb der Reichweite der AfD lagen. Erstens hatte es seit vielen Jahrzehnten keine tragfähige konservative Theorie mehr gegeben, vor allem nicht an den Universitäten. Zweitens gerieten liberale Ansätze der Kritik am Geldsystem und am Sozialstaat unberechtigt unter FDP-Verdacht. Und drittens machten sich Gedanken breit, die zwar als Gefühlsverstärker wirken konnten, aber nicht als gedankliches Fundament einer alternativen Politik. Sie waren auf rechter Seite in den Jahren absoluter Machtlosigkeit aufgeschrieben worden und hatten keinen Bezug zu Staat oder Wirtschaft, sondern entsprangen dem Wunsch nach einer heileren Wirklichkeit.

So hat das Wutbürgertum seine eigene Literatur gefunden. Von Theorie kann noch keine Rede sein, denn Theorie bedeutet „Anschauung“. Die Texte, die hier gemeint sind, vermitteln aber keine Anschauung, sondern bestätigen nur den Wutbürger in seiner Wut. Sie schwärmen von Urzuständen, in denen man seinen Gefühlen ohne Bedrängnis der modernen Zivilisation nachgehen konnte. Oder konstruieren wortreich eine Rechtfertigung für Wutgefühle, die der Wut im Bauch eine (Selbst-)Zufriedenheit im Hirn beigesellt. Wut kann aber nur der Anfang sein oder ein Begleitgefühl für eine gedankliche Bewältigung und Veränderung der Realität.

Wo immer eine Elite versagte, weil ihr geistiges Rüstzeug den neuen Herausforderungen der Geschichte nicht mehr angepasst war, da machte sich eine Gegenelite mit dem Anspruch bereit, es besser zu können.

Das war im Spanien der Fünfzigerjahre so, als die katholische Laienorganisation Opus Dei liberale und konservative Literatur aus aller Welt verinnerlichte, um die herrschende Ideologie des Nationalsyndikalismus abzulösen, die das Land mit kindischen Autarkieideen in die Wirtschaftskrise getrieben hatte. Die Denker des Opus Dei setzten dem Syndikalismus eine andere, bessere Staatsideologie entgegen, um Spanien aus der Krise zu ziehen. In weniger als zehn Jahren gelang dieses Projekt, im Kabinett von 1957 war das Opus Dei die treibende Kraft. Spanien legte in den folgenden Jahren einen atemberaubenden Aufschwung hin. Der Nationalsyndikalismus war erledigt.

Das war in der Türkei nach der Jahrtausendwende so, als sich Erdogan mit der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen daran machte, die kemalistischen, militärisch geprägten Eliten durch neo-osmanische, religiös geprägte Eliten auszutauschen. Dieses Projekt gelang, weil die Gülen-Bewegung (wie das Opus Dei) Schulen und Universitäten bereitstellte, in denen eine neue Elite ausgebildet werden konnte. Es gelang so weit, dass der unüberwindlich geglaubte Tiefe Staat ausgehoben wurde und die Staatsideologie Kemal Atatürks durch eine neue Staatsideologie ausgewechselt.

Bei allen Vorbehalten gegenüber der Türkei muss man eingestehen: Von einem solchen Wechsel der Staatsideologien und Eliten sind wir meilenweit entfernt. Wir müssen ihn aber erreichen. Denn unsere Eliten stehen auf tönernen Füßen. Und wenn der Elitenwechsel nicht vom deutschen Volk, nicht von der AfD angestoßen wird, dann werden sich andere, diszipliniertere Bewegungen bereitfinden, die Macht von der Straße aufzuheben.

Die AfD könnte in Deutschland eine solche Gegenelite stellen, ihr politisches Vehikel sein. Aber sie droht im Wutbürgertum steckenzubleiben. Sie hat in den letzten zwei Jahren weniger Anziehungskraft auf Akademiker ausgeübt, als ihr gut getan hätte. Sie hat Überläufer aus anderen Parteien zuerst zu Recht, dann zu Unrecht vergrätzt. Sie hat sich keine politisch heimatlose Intelligenz erschlossen wie z.B. Akademiker aus europäischen Einwandererfamilien.

Vor allem aber hat sich in der AfD ein Misstrauen gegen jeden breit gemacht, der irgendwie den Anspruch erhebt, zu führen und verändern zu wollen. Dieses Misstrauen geht so weit, dass Äußerungen nicht mehr ihrem Inhalt nach begriffen, sondern auf ein übles Motiv hin abgetastet werden, das sich hinter ihnen verbergen könnte. Das beste Beispiel dafür sind die Angriffe auf die realpolitische Strategie. Diese Strategie ist als Antwort formuliert worden auf eine dokumentierte und nachlesbare Äußerung, die besagt, Zweck der AfD sei es, „die CDU von außen zu beeinflussen“.

Nun sollte man meinen, gegen diese Äußerung mache sich Widerwille breit, weil der Kopf uns sagt, die CDU sei nicht mehr zum Positiven zu beeinflussen. Aber nein, gerade gegen diesen Einspruch regt sich Widerwille! Und gerade eine Strategie, die die AfD unabhängig von der CDU denkt, als eigenständige Volkspartei, als künftige Regierungspartei, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sie diene sich der CDU an. Mit Rationalität ist hier nichts mehr zu erklären.

Die AfD droht zur Echokammer des eigenen Wutgeschreis zu werden. Und nichts könnte gefährlicher sein für die Partei. Der Untergang kann sehr wohl von Wutgefühlen begleitet sein, denn Wut ist die Schwester der Ohnmacht.

Vor politischen Umwälzungen aber weicht die Wut dem Denken. Deshalb braucht die AfD dringend einen geistigen Überbau, der aus belastbaren Theorien zusammengesetzt ist, aus verbalen Äußerungen, die einen Bezug zur politischen und ökonomischen Realität haben. Sonst droht das Widerstandsgefühl zur Fußfessel zu werden, und die Partei stolpert über ihre eigenen Beine.

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Dimitrios Kisoudis

Dimitrios Kisoudis

Geboren 1981 in Öhringen/Hohenlohe, studierte Anthropologie, Romanistik und Hispanistik in Freiburg und Sevilla. Seine Magisterarbeit über "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche" veröffentlichte er 2008 als Buch. Neun Jahre lang hat Kisoudis als Publizist und Dokumentarfilmer gearbeitet, heute ist er politischer Berater im Europäischen Parlament. Weitere Buchveröffentlichungen: Solange das Imperium da ist: Carl Schmitt im Interview mit Klaus Figge und Dieter Groh, Duncker & Humblot 2010. Goldgrund Eurasien: Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom, Manuscriptum 2015. Was nun? Vom Sozialstaat zum Ordnungsstaat, Manuscriptum 2017.