„Die AfD ist der Kern des Ganzen“

Der Blaue Kanal:

Die AfD hat eine Größe erreicht, die man ihr vor zwei Jahren noch nicht zugetraut hätte. Und daneben gibt es Bewegungen wie die Identitären und Pegida. Wie werden diese Größen – Partei, Demonstranten, Bewegung – sich in Zukunft zueinander verhalten?

Karlheinz Weißmann:

Ich gehe davon aus, dass die AfD eine Art Nukleus bildet. Sie ist der Kern des Ganzen, und darum herum gibt es einen Hof. In diesem Hof kann sich alles Mögliche tummeln. Es besteht auch überhaupt keine Notwendigkeit, das alles integrieren oder auf Parteilinie bringen zu wollen.

Wir wollen nicht vergessen, dass es das Kennzeichen aller vitalen Bewegungen zu allen Zeiten gewesen ist, überschießende Kraft zu besitzen und Breite zu gewinnen. Die Identitären interpretiere ich in erster Linie unter diesem Gesichtspunkt. Das sind aufgeregte junge Männer, und sie haben Gründe für ihre Aufgeregtheit. Sie tun Dinge, die nicht allen gefallen mögen, aber sie sind chic und einsatzwillig, und es ist unbestreitbar, dass gewisse Affinitäten zur Partei da sind.

Warum soll man das planieren wollen? Ich empfehle, in solchen Fällen nicht so schreckhaft zu sein. Wenn man überlegt, was hierzulande an Repression, Bedrohung, Gewaltakten, Gesetzesverstößen zur linken Folklore gehört, ohne dass sich irgendjemand wirklich daran stört, finde ich, dass es jenseits der Linken gefälligst auch Spielraum geben sollte und dass man nicht einfach akzeptiert, was ein paar Spießer für angemessen halten, ganz egal, ob bürgerliche Spießer oder progressive Spießer.

Aber es muss natürlich auch klar sein: Die Generallinie wird von diesen Kräften nicht vorgegeben. Wenn sie auf eigene Faust handeln, tun sie es auch auf eigene Verantwortung. Die Identitären können sich nicht als außerparlamentarischer Arm der AfD betrachten. Pegida übrigens auch nicht. Spontanität hat ihren Charme. Aber die Partei als Partei beruht auf dem Prinzip der Organisation. Das setzt, wie schon gesagt, Disziplin voraus, nicht Spontanität.

Der Blaue Kanal:

Sie haben vor knapp zehn Jahren eine sehr eindrückliche Broschüre verfasst, in der Sie einen Überblick über die Strömungen der Neuen Rechten geben. Denken Sie, diese Strömungen haben Eingang in die AfD gefunden?

Karlheinz Weißmann:

Lassen Sie mich eins vorausschicken: Das war ein Versuch zur Versachlichung der Debatte. „Neue Rechte“ war ja ein Kampfbegriff, den die Gegenseite eingeführt hat. Der diente und dient bis heute dem Zweck der Denunziation. Das gilt für die einschlägigen Wikipedia-Artikel genauso wie für die primitive oder die gehobene Antifa-Literatur.

„Der Linksextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

Als Beispiel für letztere können Sie das neue Buch von Volker Weiß über die „Autoritäre Revolte“ nehmen. Eine Kompilation, die nur eins zusammenhält: der Wille zum Nichtverstehen. Da werden Zitate irgendwie verknüpft, Traditionslinien irgendwie konstruiert, Verschwörungen irgendwie gemutmaßt, alles sehr langweilig, alles sehr bekannt. Aber man darf die Wirksamkeit nicht unterschätzen.

In unserem Land mit seiner strukturlinken Öffentlichkeit ist das Werk sicher als Habilitation geeignet oder dazu, per Bundeszentrale für politische Bildung kostenlos an alle Politiklehrer verteilt zu werden. Es steht auf der Vorschlagsliste für den Preis der Leipziger Buchmesse. Und das Buch eines Mannes, der sich rühmt, für so unappetitliche Blätter wie Jungle World und taz zu schreiben, erschien im Verlag Klett-Cotta. Sie sehen: der Linksextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Wenn Sie bei Weiß nachschlagen, werden Sie natürlich feststellen, dass die AfD nichts anderes ist, als das, was Mohler, Kubitschek, Weißmann ausgeheckt haben. Leider, möchte man fast sagen, ist das nicht so.

Denn so fasziniert wir immer vom Projekt einer Kulturrevolution waren: Sie hat nicht stattgefunden. So sehr uns auch immer Metapolitik begeistert hat: kein Erfolg, nirgends. Stattdessen ist die AfD mehr oder weniger aus dem Nichts entstanden, Reaktion auf eine konkrete Lage, wie schon erwähnt. Das Geistige wird man jetzt nachreichen müssen.

Der Blaue Kanal:

Bedauern Sie das?

Karlheinz Weißmann:

Nun, natürlich schmeichelt es eher, wenn der Feind den Schreiber für gefährlich, als wenn er ihn für bedeutungslos hält. Aber die Geschichte hat eine unerfreuliche Neigung, sich wenig um Ideen zu scheren. Was übrigens nichts gegen die Bedeutung von Ideen sagt, aber deren unmittelbare Wirksamkeit ist ein seltener Ausnahmefall. Und wir, die wir nicht die Männer von gestern sind, sondern die Männer von morgen, waren natürlich oft unserer Zeit voraus, haben das Richtige, aber zu früh das Richtige gesagt. Ein Schicksal, das man akzeptieren muss.

Der Blaue Kanal:

Wenn schon keine unmittelbare Wirksamkeit, dann vielleicht eine mittelbare? Ohne Zweifel verändert sich die Medienlandschaft. Im Internet gibt es plötzlich alternative Angebote. Im Augenblick sieht es aus, als stünden wir vor einer Medienrevolution.

Karlheinz Weißmann:

Grundsätzlich ist die Pressefreiheit immer in Gefahr. Nehmen Sie das berühmte Wort eines großen Zeitungsmanns, Paul Sethe: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Das ist ein Satz, der wurde vor fünfzig Jahren gesagt.

Sethe sah aber nicht nur das Problem der Gleichschaltung durch Korruption, ihm ging es auch um Selbstgleichschaltung. So einen Prozess konnten wir beobachten, als während der sogenannten Flüchtlingskrise nach kurzem Zögern fast alle Medien auf Begeisterung umschalteten. Ganz gleich, ob humanitäre Notwendigkeit oder kulturelle Bereicherung oder Deckung des Arbeitskräftebedarfs oder Ausgleich des künftigen Rentenlochs: refugees welcome. Da war schon deutlich zu spüren, dass Leute, von denen man eigentlich klare Analysen erwarten konnte, genau wussten, dass niemand aus der Reihe tanzen durfte.

Man spricht ja nicht umsonst von einem politisch-medialen Komplex. Es gibt seit langem und auf vielen Sektoren einen Schulterschluss zwischen Journalismus, Wirtschaft und den Einflussreichen in Regierung, Parlament und Verwaltung. Das festzustellen, hat nichts mit Verschwörungstheorie zu tun, es gibt eben objektive gemeinsame Interessen und eine daraus resultierende Kooperation.

Und wenn Herr Schulz von der SPD als Kanzlerkandidat präsentiert wird und seinen Hype bekommt, dann ist das eben kein Zufall. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was etwa der öffentlich-rechtliche Norddeutsche Rundfunk in einem SPD-regierten Bundesland von sich gibt und wie die Arbeit im SPD-Medientrust funktioniert, aber es stimmen eben auch die großen „Qualitätszeitungen“ ein und die Masse der privaten Sender. Das macht die Sache so problematisch.

„Die AfD bedeutet eine echte Gefahr für den politisch-medialen Komplex“

Umgekehrt ist die Lage für die AfD. In der ersten Zeit nach ihrer Gründung gab es in den bürgerlichen Blättern Stimmen zur AfD, die signalisierten: Man muss sich das jetzt mit großer Ruhe anschauen und keine Vorverurteilung präsentieren, und warum sollte man nicht mit einer gewissen Sympathie auch diese oder jene Stellungnahme der AfD zur Kenntnis nehmen. Das gibt es gar nicht mehr. Ich interpretiere das so, dass man in diesen Kreisen nach einigem Hin und Her zu dem Schluss gekommen ist, dass die AfD eine echte Gefahr bedeutet. Das heißt, wenn sich diese politische Kraft durchsetzen oder auch nur etablieren sollte, dann ist es nichts mehr mit dem bequemen Zusammenspiel all derer, die zwischen den Grünen und der CSU stehen. Und man hat auch nicht nur einen weiteren Mitspieler, sondern eine Potenz, die das ganze Spielbrett umwerfen könnte.

Die Grünen hat man gezähmt, aber wie soll man sich das im Hinblick auf die AfD vorstellen, ohne dass die Partei ihre Basis verliert? Diese Sorge erklärt viel vom Phänomen „Lückenpresse“, um den schönen Begriff von Michael Klonovsky zu nehmen, das erklärt viel von dem, weshalb stillgehalten wird, wenn es um neue Fehlleistungen der Regierung geht, geschwiegen, wenn es sich um die kommende Flüchtlingswelle handelt, den Anstieg der Kriminalität etc., und aus demselben Motiv wird so gern auf den bösen, bösen Populismus eingedroschen.

Unter normalen Umständen wäre die Sache damit für die AfD gelaufen. Denn sie verfügt eben nicht über die finanziellen Mittel, die die Etablierten haben, und kann nicht mal auf ein kleines Mitgliederausbeutungsvermögen von ein paar Ex-K-Gruppen-Leuten bauen wie die Grünen in ihrer Anfangsphase. Und schon gar keine Rede ist von den roten Millionen, auf die die Linke Zugriff hat, weil ein paar geschickte Genossen noch vor dem Untergang des Mörderregimes jenseits der Elbe aufgepasst haben.

Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass durch die neuen Medien der AfD, salopp gesagt, Propagandamöglichkeiten zugewachsen sind, die es in dieser Form in Deutschland früher nicht gegeben hat. Ob sie in Zukunft alleine ausschlaggebend sein werden, das vermag ich nicht zu sagen. Ich glaube nicht, dass Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren, Bücher einfach verschwinden. Sie werden einen gewissen Status behalten.

Aber wer einmal gesehen hat, wie wirksam ein im Netz veröffentlichter Text im Vergleich zu einem gedruckten Text ist, der hat natürlich auch zur Kenntnis genommen, dass da politisch ganz andere Reichweiten zu erlangen sind. Und wer sieht, wie empfindlich große Blätter auf eine ganze Welle wütender Netzkommentare reagieren, weiß, dass es da jede Menge Möglichkeiten der Einflussnahme gibt, subversive vor allem.

„Das Entscheidende spielt sich nach wie vor in der Realität 1.0 ab“

Der Blaue Kanal:

Ist die AfD also eine Internetpartei, wie Justus Bender in seinem neuen Buch schreibt?

Karlheinz Weißmann:

Das glaube nicht. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich gehe davon aus, dass sich das Entscheidende nach wie vor in der Realität 1.0 abspielt. Deshalb glaube ich auch, dass es eine entscheidende Frage für die AfD ist, ob es ihr gelingt, sich in der Lebenswelt der Bürger zu verankern.

Vor einiger Zeit hat Götz Aly, der sicher ein geschworener Feind der AfD ist, in der Süddeutschen Zeitung eine eigenartige Glosse geschrieben. Es ging um einen Ausflug ins Erzgebirge zum Skifahren. Da schildert er ein Gespräch mit seinem Wirt, der sagt: Man müsse mal wieder zu Pegida gehen und an der nächsten Demonstration teilnehmen, denn da kämen immer weniger Leute und man müsse denen da oben mal wieder zeigen, wie ’89, was denn das Volk wirklich meine. Das ist der Eindruck, den Aly einfach nur schildert.

Dann sagt er: Na ja, wenn man in dieser Umgebung lebt, im Erzgebirge, und mit Händen greifen kann, wie die Wirklichkeit dieser Menschen zerfällt, wie sich Hoffnungslosigkeit ausbreitet, wenn man sieht, dass es überhaupt keine Perspektive gibt, und die Leute sich gleichzeitig anhören müssen, dass die Globalisierung der Schlüssel für alles sei, sie sollten klaglos hinnehmen, was komme, flexibler werden, dann versteht man, dass das alles eine Zeitlang nur hilflose Wut produziert hat, aber irgendwann einmal dazu führte, dass die Leute auf die Straße gingen, um ihren Unmut über dieses ganze elitäre Geschwafel zum Ausdruck zu bringen.

Der beste Teil des Beitrags war aber der, in dem Aly beschreibt, wie in einem Ort der Umgebung irgendwelche Leute von der AfD einen Stadtrat stellen, der bekannt ist als „Kümmerer“. Und Aly meint dann: wenn man den Leuten sage, das seien bei der AfD alles Nazis, dann werden sie bestenfalls mit den Achseln zucken. Das interessiere die nicht. Die hätten den Eindruck, das ist ein Nachbar, der hilft mir bei einem konkreten Problem, wenn ich etwa einen Antrag schreiben muss.

Zum Schluss heißt es, das sei wirklich beunruhigend, das habe es in dieser Form nämlich noch nie gegeben. Dass eine rechtsnationale Partei, wie Aly sie nennt, hier und jetzt anfängt, den Leuten dort zu helfen, wo sie leben. Und ich denke, was die Etablierung der AfD auf Dauer angeht, wird dieser Punkt entscheidend sein: Wird es gelingen, aus der Virtualität in das analoge Leben zu kommen und gute Arbeit zu machen, das Bekenntnis zum Patriotismus in eine klare und für jeden fassbare Form zu bringen?

Der Blaue Kanal:

Also eine Graswurzelrevolution?

Karlheinz Weißmann:

Nun, ich fürchte, dass wir nicht genug Zeit haben, um darauf zu warten, dass die zarten Pflänzchen sprießen. Aber das, was ich eben geschildert habe, ist ein wichtiger Aspekt, meiner Meinung nach mindestens so wichtig wie Spendensammeln, Programmarbeit, Organisation.

„Mein zentrales Projekt für 2017 ist die Gründung einer Zeitschrift“

Der Blaue Kanal:

Zum Schluss vielleicht noch etwas anderes. Zur Zeit erleben wir Sie in erster Linie als Buchautor und Kolumnist der ‚Jungen Freiheit‘. Mit welchem Karlheinz Weißmann dürfen wir in Zukunft noch rechnen, was sind Ihre Projekte?

Karlheinz Weißmann:

Nun, ich werde das Bücherschreiben nicht lassen. Wenn alles gut geht, kann ich bis zum Herbst mein eigentliches Hauptwerk, an dem ich seit Jahrzehnten arbeite, ein Lexikon der politischen Symbolik, abschließen. Aber das zentrale Projekt für 2017 ist die Gründung einer Zeitschrift, deren erste Ausgabe, so Gott will, vor der Bundestagswahl erscheint.

Der Blaue Kanal:

Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser Zeitschrift?

Karlheinz Weißmann:

Es geht einmal darum, in dieser Phase des Umbruchs ein Forum für die unabhängigen Köpfe zur Verfügung zu stellen. Gemeint sind alle diejenigen, gegen die die großen Medienhäuser eine „Fatwa“ erlassen haben, wie Nicolaus Fest so schön gesagt hat.

Sie sollen da die Möglichkeit erhalten, ihre Analysen zu präsentieren und eine echte Debatte zu führen. Aber es geht auch darum, die Lücke zu füllen, die entstanden ist, weil man die Kulturpflege so auf den Hund hat kommen lassen. Wir wollen nicht nur auf aktuelle Entwicklungen in Literatur, Kunst etc. reagieren, sondern auch die Bestände zeigen, die es gibt und die geeignet sind, das Herz des „guten Europäers“ zu erheben. Auf den Punkt gebracht: Die Zeitschrift soll das „blaue Projekt“ voranbringen.

Der Blaue Kanal:

Das „blaue“ Projekt?

Karlheinz Weißmann:

Ganz genau. Und Sie dürfen es sich aussuchen: preußisch-blau, tory-blau, freiheitlich-blau.

 

Das Interview führte Dimitrios Kisoudis.

Ende des Interviews.

The following two tabs change content below.
Karlheinz Weißmann

Karlheinz Weißmann

Karlheinz Weißmann, geb. 1959, ist Gymnasiallehrer und Autor von mehr als zwanzig Büchern. Im vergangenen Jahr erschien seine politische Analyse der Gegenwart unter dem Titel „Rubikon. Deutschland vor der Entscheidung“. Vor wenigen Wochen kam heraus: „Prophet der Deutschen. Martin Luther für junge Leser“; beide in der JF Edition, Berlin. Weißmann gilt als „Deutungspapst“ (Die Zeit) und „intellektuelle Führungsfigur der deutschen Konservativen“ (Neue Zürcher Zeitung). 2000 gründete er mit Götz Kubitschek das Institut für Staatspolitik und anschließend die Zeitschrift „Sezession“. 2014 verließ er das Projekt aufgrund politischer Differenzen, auch wegen seiner von Kubitschek nicht geteilten positiven Einschätzung der AfD. Weißmann ist Kolumnist der ‚Jungen Freiheit‘.