Warum Radikalität eine Frage des Denkens ist und keine Frage der Rhetorik

Auf der rechten Seite des politischen Spektrums glauben viele, Radikalität sei eine Frage der Rhetorik. Diesen Glauben nehmen sie aus der Zwischenkriegszeit, als die lautesten Gruppen auch die extremste Politik betrieben, wenn sie an die Macht gekommen waren. Zum Unglück Europas. Heute sind die Dinge aber anders gelagert. Und darin liegt eine Chance

Die nationalen und internationalen Sozialisten der Zwischenkriegszeit vollzogen die Revolution, indem sie die Hardware des politischen Systems zuerst beschädigten und dann austauschten. Sie schickten Kampfverbände auf die Straßen, agierten eher als Bewegung, weniger als Einflussgruppen, sie hebelten die Staatsgewalt durch Gegengewalt aus und übernahmen den Staat erst, wenn er wegen der Straßenkämpfe weitgehend gelähmt war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Europa auf diesem Weg kein Staat mehr zu machen. Der nationale Sozialismus hatte sich in Krieg und Zerstörung erschöpft, der internationale Sozialismus konnte sich als geopolitischer Block zwar noch halten, veranstaltete aber keine weltweite Revolution mehr, sondern verausgabte sich in seinem Gegensatz zum Westen.

Immer stärker gewannen Ansätze an Bedeutung, die zum Ziel hatten, dem politischen System eine neue Software aufzuspielen. „Metapolitik“ und „Soft power“ waren die Modewörter, die den neuen politischen Ansatz auf den Begriff brachten. Linke Ideologen erlangten Meisterschaft darin, Staaten zu erobern, indem sie die Ideologie austauschten und nicht den Träger der Gewalt.

In Deutschland dominierte ununterbrochen zumindest eine der beiden „Volksparteien“ die Regierung. Die Institutionen sind dieselben geblieben, und viele Leute haben noch nicht einmal bemerkt, dass sich die Wirklichkeit verändert hat. Und doch sind wir Schritt für Schritt in eine Lage geschlittert, in der linksextreme Ideologeme wie offene Grenzen und Gender Mainstreaming im Parlament auf keinen Widerstand mehr stoßen, weder im nationalen noch im europäischen. Und in beiden Parlamenten herrschen die „bürgerlichen“ Kräfte vor!

Obwohl die Neue Rechte die „Metapolitik“ ständig im Mund führt, hat sie nicht den Schluss daraus gezogen, dass radikale Politik keine radikale politische Rhetorik braucht und auch keine radikale Partei. Noch die Erfolge der Identitären Bewegung Österreich beruhen auf Kampagnen, Aktionen und eingängigen Schlagwörtern, auf den Mitteln linker Metapolitik also, nicht auf der Eroberung der Straße. Die IBÖ ist gar keine Bewegung im Sinne der Zwischenkriegszeit, sie ist eine Cadrage-Bewegung, bei ihr kommt es nur darauf an, was im Bildausschnitt zu sehen ist. Ihre Größe ist simuliert, sie ist viel eher Think Tank als Bewegung.

Und darum hat es auch nicht den geringsten Sinn, wenn eine Partei sich an sie anlehnen soll. Partei und „Bewegung“ sind zwei konkurrierende Medienprogramme, die auf verschiedenen Ebenen funktionieren. Bewegung funktioniert auf der Meta-Ebene, in Kultur, Medien und Bildung. Die IB wird ihren Erfolg ausweiten, wenn sie auf die Kunst und die Universitäten ausstrahlt. Partei funktioniert, um im Bildbereich der Erzähltheorie zu bleiben, auf der Ebene der ersten Erzählung, der Basiserzählung. Sie bewegt sich im Rahmen dessen, was die Leute für Realität halten. Und deshalb kann sie nur sehr langsam und punktuell eine Sprache verwenden, die die Leute befremdet.

Auch Parteien siegen heute nicht in den Parlamenten, sondern in den Medien. Aber auch in den Medien darf eine Partei keine Metapolitik betreiben, sie muss dort vielmehr die Wirklichkeit in ein anderes, realeres Licht rücken, als es die Medien sonst tun. So lässt sich eine neue Partei heute schneller als früher nach oben führen – aber nur wenn in der Medienarbeit keine entscheidenden Fehler gemacht werden!

Und es ist rechte Naivität, zu leugnen, dass es zwischen politischem Programm und Wahlwerbung einen Unterschied gibt. Natürlich gibt es ihn, er liegt im Unterschied zwischen Alltagsglauben und jener politischen Ideologie begründet, die eine Partei notwendigerweise umsetzen muss, wenn sie die Realität zum Guten verändern will und nicht nur ein Spielball der Ereignisse sein.

Die Neue Linke hat ihr Programm dem Staat nicht aufgespielt, indem sie die Volksparteien mit „Transgender“ oder „Weltstaat“ in den Wahlkampf schickte. Die Parteien warben mit ähnlichen Parolen wie sonst auch. Die Neue Linke hat ihr radikales Programm aufgespielt, ohne sich parteipolitisch radikal zu geben. Sie fuhr eine doppelte Strategie: Radikalismus in den Universitäten, in der Kultur, Scheinrealismus in der Politik. Die Rechte kann zwischen beiden Ebenen nicht trennen, weil ihr die Theorie dazu fehlt. Vordenker der Neuen Rechten wie Alain de Benoist hatten mit dem neuen Typus rechtspopulistischer Parteien nicht gerechnet, als sie ihre Theorie rechter Metapolitik aufschrieben.

Seine Nachfolger und deren Radikalisierer wissen damit heute noch wenig anzufangen. Sie verneinen ganz einfach, dass man die Theorie der Metapolitik um eine echte Parteientheorie zumindest erweitern müsse. Sie bleiben sogar hinter Benoist zurück, indem sie Anleihen bei der von ihm sog. „Alten Rechten“ nehmen. Sie träumen von einer Bewegungspartei, obwohl eine Bewegung schlicht inexistent ist. Sie bauen Radikalität in die Partei ein, obwohl diese auf der Metaebene ihren Platz hat. Und sie sehen nicht ein, dass Radikalität nicht im „Épater la bourgeoisie“ besteht, sondern darin, die Voraussetzungen einer Theorie anhand der realen Realität zu Ende zu denke.

In der Folge findet eine Selbstradikalisierung statt, die nichts anderes ist als Rollenspielerei. Ihr Pfund besteht in Selbstbestätigung – und darin, Gegner als Feiglinge oder Konformisten darzustellen. Drehen wir also den Spieß um. Die Radikalisierer sind Simulanten, sie sind nichts anderes als Rollenspieler. Sie sind nicht deshalb eine Gefahr, weil sie ihre Vorstellungen durchsetzen könnten. Das können sie nicht, denn ihre Vorstellungen sind heute schlicht und ergreifend unwirksam. Sie sind eine Gefahr, weil sie eine Politik durchkreuzen, die wirksam sein könnte.

Die Radikalisierer sind nicht intelligent genug für die Metaebene und ungeeignet für die Realität. Mit ihrer scheinradikalen Rhetorik verhindern sie, dass wirklich radikale Ideen zu Einfluss gelangen. Solche radikalen Ideen sind etwa: ein Geldsystem, das keine Möglichkeit zur Ausweitung der Geldmenge einräumt. Damit wären nämlich alle staatsfinanzierten Utopien auf einen Schlag beendet, neue Formen kommunitären Zusammenlebens möglich. Unsere Radikalisierer träumen dagegen von Niedrigzins und völkischer Umverteilung, obwohl in diesem System weiter die Banken über das Volk bestimmen würden. So verbleiben die Radikalisierer im Rahmen des Bestehenden.

Radikal wäre ein völkerrechtliches Raumkonzept, das mit den schädlichen Interventionskriegen aufräumt. Das würde aber bedeuten, sich einzugestehen, dass der gewöhnliche Nationalismus für dieses Problem überhaupt keine Lösung parat hat. Eine Welt, bestehend aus knapp 200 souveränen Staaten, die sich alle gegenseitig den Krieg erklären können, ist undenkbar. Oder etwa nicht?

Radikalität ist keine Frage der Flagge, sondern eine Frage der Intelligenz. Wer die Radikalismen der Vergangenheit aufwärmt, die Faschismen und Sozialismen, der ist nichts Besseres als das passende Gegenstück zur Antifa.

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Dimitrios Kisoudis

Dimitrios Kisoudis

Geboren 1981 in Öhringen/Hohenlohe, studierte Anthropologie, Romanistik und Hispanistik in Freiburg und Sevilla. Seine Magisterarbeit über "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche" veröffentlichte er 2008 als Buch. Neun Jahre lang hat Kisoudis als Publizist und Dokumentarfilmer gearbeitet, heute ist er politischer Berater im Europäischen Parlament. Weitere Buchveröffentlichungen: Solange das Imperium da ist: Carl Schmitt im Interview mit Klaus Figge und Dieter Groh, Duncker & Humblot 2010. Goldgrund Eurasien: Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom, Manuscriptum 2015. Was nun? Vom Sozialstaat zum Ordnungsstaat, Manuscriptum 2017.
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