Anstöße zu einer (nicht nur) sächsischen Debatte

Die Abmahnung gegen André Poggenburgs Entgleisung war kaum ausgesprochen, da wandte sich der Gemaßregelte über Facebook bereits an die Partei – mit „Geschätzte Patrioten“ als Anrede. „Patriotismus“ tauchte bei den Reden fast jedes sächsischen Direkt- und Listenkandidaten mehrfach auf – von gewissen Dresdner Reden im Januar dieses Jahres ganz zu schweigen. Das zieht die Frage nach sich, was Patriotismus heute eigentlich ist, sein kann und vor allem welche Potentiale der Begriff in Sachsens AfD hat – oder eben auch nicht.

Bis in die frühe Neuzeit drückte das griechische Lehnwort die „emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation“ im Sinne von „Nationalstolz“ (besser: „Vaterlandsliebe“) als Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft, Heimat, Abstammung oder Ethnizität aus – entsprach der Patriot also dem heutigen Ausdruck „Landsmann.“ Patriotismus ist historisch begründet als persönlicher Einsatz für die Kommune, für die Heimat und das Vaterland (lat. Patria). Politisch in der Masse der Bevölkerung verankert wurde er (und der damals ebenfalls noch positiv verstandene Nationalismus) vor allem durch die Französische Revolution ab 1789.

Der Begriff wurde lange von Nationalismus (und Chauvinismus) abgegrenzt, insofern Patrioten sich mit dem eigenen Volk/Land identifizieren, ohne es über andere zu stellen und andere Völker ausdrücklich abzuwerten, wie es Ex-Bundespräsident Johannes Rau ausdrückte – obwohl jüngste sozialpsychologische Studien nahelegen, dass diese Unterscheidung hinfällig sei. Den kleinsten gemeinsamen Nenner sprach wohl 1950 Bertolt Brecht in seiner „Kinderhymne“ aus, die auch heute noch vielfach (selbst parteiübergreifend) zur Verständigung über den Begriff herangezogen wird.

„Und nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein

Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein. //

Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir’s

Und das Liebste mag’s uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs.“

Da könnten wohl viele mitgehen: Patriotismus als Kompass ist stets auf die Gesamtheit des politischen Gemeinwesens bezogen. Als freiheitlicher Republikanismus, der einen wichtigen Beitrag zum Selbsterhalt des Gemeinwesens leistet, kann er nur aus der Bürgerschaft selbst kommen, nicht staatlicherseits verordnet oder gar erzwungen, wohl aber gefördert werden. Darauf ist die Bundesrepublik fundamental angewiesen: sei es im Großen, bis hin zur Frage der Landesverteidigung, oder im Kleinen vor Ort als „Lokalpatriotismus“. Unter dieser Perspektive sind die Patriotismus-Bemühungen der CDU Sachsen zu sehen: einmal 2005, maßgeblich initiiert durch Ex-Wissenschaftsminister Matthias Rößler, sowie 2016, gemeinsam mit der CSU; hier spielt auch der Leitkultur-Begriff eine Rolle.

Patriotismus äußert sich heute allerdings als Paradoxon jedes freiheitlichen, demokratischen Staates in dem Sinne, dass dieser Staat auf Fundamenten, Einstellungen und Verhaltensweisen ruht, die er selbst nicht garantieren kann. In Ländern wie Frankreich, Russland oder gar den USA ist der Begriff Normalität: trotz aller Unterschiede in Herkunft, Rasse usw. fühlt sich der US-Amerikaner als Patriot – was in der Schule, in Filmen, der Literatur, mittels Symbolen wie der Fahne usw. auch ständig so vermittelt wird.

Aber bereits der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen sah 1919 Patriotismus als Form von Partikularismus, der hinter den zunehmend kosmopolitischen Charakter der modernen Ökonomie, Wissenschaft und Kultur zurückfalle und in keiner Weise mehr nützlich sei. Andererseits sei dieser Patriotismus ubiquitär – und er habe eine egalisierende Funktion: jeder, auch der sozial oder moralisch verworfenste Dummkopf könne sich als guter Patriot fühlen. Und Veblen erklärte auch, dass im zwanzigsten Jahrhundert der Patriotismus anders als in früheren Zeiten keinerlei Selektionsvorteile für bestimmte Populationen mehr biete; im Gegenteil löschten sich ganze Völker mit ihrem übersteigerten Patriotismus aus.

Vielleicht auch darum (aber sicher nicht nur) taucht der Begriff weder in Sachsens Landtagswahlprogramm von 2014 geschweige im Bundes- oder Bundestagswahlprogramm von 2016 bzw. 2017 auf. Sicher auch darum (aber bestimmt nicht nur) gründete sich bereits 2014 eine „Patriotische Plattform“ in der AfD – ihre schwülstige Gründungserklärung vermeidet aber jede Begriffsbestimmung. Ein undefinierter, egalitaristischer, ideologisch motivierter Kampfbegriff – da liegt der Hase im (sächsischen) Pfeffer.

Zum ersten verändert, geschweige rettet, man Sachsen oder Deutschland nicht mit „Patriotismus“ – Vaterlandsliebe darf, ja muss man bei AfD-Mitgliedern voraussetzen; das ist eine bestenfalls Tertiärtugend! Primär stattdessen braucht es Mut (zur Wahrheit, übrigens nach innen und außen), den Willen, Verantwortung zu übernehmen; vor allem aber die Kraft, sich jeden Tag dem systemischen Wettstreit zwischen den mit allen Mitteln kämpfenden und auch vor Diffamierung nicht zurückschreckenden Etablierten und uns als Alternativen zu stellen: zuvörderst in der politischen Arbeit in allen von uns besetzten Parlamenten, aber auch im Beruf oder in der Freizeit. Wer Patriotismus als übergeordnete Kategorie beansprucht, tut dasselbe, was die AfD völlig berechtigt den Systemmedien vorwirft: eine unbedeutende Nebensache zur Hauptsache erklären, als ob sie pars pro toto für die Partei und ihr Programm stünde.

Und zum zweiten hat es den ärgerlichen Anschein, als ob viele „Erzählpatrioten“ Patriotismus wie eine Monstranz vor sich hertragen, um das Fehlen anderer Primär- oder Sekundärtugenden (ganz zu schweigen von Kompetenzen) zu übertünchen. Natürlich kann man stänkernde Schilder malen, sie mehr oder weniger häufig auf der Straße spazieren tragen, dazu patriotische Slogans skandieren – und dafür noch bezahlt werden wollen (im Bundestag fünfstellig – wenn man die 5-Prozent-Hürde schafft, damit auch das Parteiengeld sprudelt). Aber nennenswerte wie zählbare Mehrheiten erringen, im Falle des Erringens Politik machen und mit dieser Politik das Vaterland retten und nicht in den Untergang führen – den Nachweis ist aller Patriotismus bis heute schuldig geblieben.

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Thomas Hartung

Thomas Hartung

Dr. Thomas Hartung (* 1962); Dipl.-Päd.D/Ge; Germanist (Promotion zur DDR-Science Fiction 1992); 1988 - 2002 freier/fester Journalist für Zeitung, Radio, TV; 1998 - 2014 Hochschul-Dozent für Medienproduktion, Medientrainer, Autor, Referent; seit 2013 Aufbau der AfD Sachsen als Landesvize/Pressesprecher; seit 2014 Wiss. Mitarbeiter AfD-Landtagsfraktion Sachsen; vier sächsische Fernsehpreise; IHK-Ehrennadel in Bronze.