Kein Entrinnen aus der Tretmühle der Sprache

Für die Linken ist die Sprache ein Konstrukt, für die Rechten ein Abbild der Wirklichkeit. Deshalb glauben Linke, sie könnten Begriffe umprägen, positiv oder negativ besetzen. Die Rechten aber fliehen diese Falschmünzerei der Begrifflichkeiten und vertrauen stattdessen auf die Abbildungskraft und die historische Fülle der Begriffe.

Friedrich Nietzsche hat der postmodernen Linken den Weg bereitet, indem er Lüge und Wahrheit zu einer Frage der Konvention, also der beliebigen Setzung, erklärte. „Der Lügner“, schreibt Nietzsche, „gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen; er sagt zum Beispiel: ‚ich bin reich‘, während für seinen Zustand gerade ‚arm‘ die richtige Bezeichnung wäre.“ Die Lüge unterscheide sich von der Wahrheit aber nur dadurch, dass sie eine falsche Aussage innerhalb der sprachlichen Konventionen treffe. Auch die Wahrheit sei letztlich nur eine Lüge, wenn man die Konventionen abziehe. Sie drücke die Realität nicht aus, und deshalb lüge im Grunde jeder, der spricht.

Wir eignen uns die Wirklichkeit immer nur mit Metaphern an, so Nietzsche, die wir unseren „menschlichen Relationen“ nachbilden. Wir sagen, der Baum sei „reich“ an Blättern. Aber kennen Bäume wirklich Armut und Reichtum? Und was ist schon menschlicher Reichtum anderes als eine Zuschreibung, über die Menschen, die Dorfgemeinschaft oder die Stadtgesellschaft, entscheiden, willkürlich und konventionell? „Relative Armut“ nennen Sozialwissenschaftler die Armut, die sich aus dem Vergleich des Armen mit seinen Mitmenschen ergibt. Und die „absolute Armut“ ist sogar noch relativer als die relative Armut, sie wird von der Weltbank mit 1,25 Dollar verfügbarem Geld pro Tag bestimmt, folgt also einer Konvention, deren Beliebigkeit ziemlich durchsichtig ist.

Wie gesagt, die Rechten glauben nicht daran, dass Sprache reine Konvention sei. Sie glauben, dass es Armut wirklich gibt. Für sie ist die Lüge durchaus eine Frage der Moral und keine Frage der Sichtweise. Das bedeutet, dass zwei Typen von Lügnern existieren. Der eine Lügner ist der einfache, unmoralische Lügner, der eine falsche Aussage trifft. Er sagt: „Ich habe die Geldbörse auf der Straße gefunden“, dabei hat er sie in echt gestohlen. Dann gibt es noch den amoralischen Lügner. Er gibt den Begriffen einen neuen Sinn, er glaubt, das stehe ihm zu, weil die Sprache die Wirklichkeit ja ohnehin nicht abbilde. Weil sie das aber doch tut, wenn auch unzureichend und veränderlich, ist dieser Lügner der schlimmere.

Wenn ihm die Leute glauben, dann ergeben sich aus der Verzerrung zwischen Wirklichkeit und Sprache schreckliche Folgen. Die Wirklichkeit soll in falsche Sprache gezwängt werden und wird so deformiert. Oder neue Begriffe werden über eine Wirklichkeit gestülpt, die sich sträubt; in der Folge entstehen Sprechverbote und Tabuwörter. Doch die Sprache weiß sich ihr Recht zu nehmen, wo man es ihr streitig macht.

Die Sprachwissenschaftler sprechen von einer „Tretmühle“, in der Realität und Sprache wieder zur Deckung kommen. In der Euphemismus-Tretmühle bemühen sich die Linken, über eine Sache von schlechtem Ruf so gut zu sprechen, dass sich die Sache selbst verbessert. Sie machen aus illegalen Einwanderern „Flüchtlinge“. Doch es verfängt nicht. Bald ist der neue Begriff selbst negativ konnotiert. Die Linken glauben, es liege daran, dass sie keinen treffenden Begriff gewählt hätten, eigentlich führe erst der Begriff „Schutzsuchender“ dazu, dass Einheimische und illegale Einwanderer in Harmonie zusammenlebten. Dabei ist es die Realität, sind es die Übergriffe und Taten der sog. Flüchtlinge, die auf den Euphemismus abfärben und immer neue Benennungen nötig machen.

Umgekehrt verhält es sich mit der Dysphemismus-Tretmühle. Ein Schimpfwort erhält positive Konnotationen, Nebenbedeutungen, aber nicht, weil der Begriff willkürlich aufgewertet worden wäre, sondern weil sich die Realität gewandelt hat. „Schwul“ war ursprünglich abwertend gemeint, wurde aber von den Homosexuellen als Selbstzuschreibung verwendet, weil sich ihre Stellung in der Gesellschaft verbessert hatte. Die Genialität dieser Selbstzuschreibung bestand darin, dass sie erfolgte, als der Begriff noch negativ konnotiert war, die Realität sich aber schon zu verändern begonnen hatte. So passten die „Schwulen“ die Sprache der Wirklichkeit an. Sie übten aber keine Sprachmagie aus. Hätte sich nicht die Bedeutung der Homosexualität in der Gesellschaft gewandelt, so würde die mutige Selbstbezeichnung die „Schwulen“ höchstens hinter Gitter gebracht haben.

So ähnlich wie den Schwulen geht es derzeit den „Rechtspopulisten“. Die Linken dachten sich den Begriff des Rechtspopulismus aus, um politische Forderungen zu diskreditieren, die rechts von ihnen erhoben wurden. Der Rechtspopulist, das sollte derjenige sein, der „postfaktisch“ die Gefühle des einfachen Volkes aufstachelt, statt mit Fakten die Vernunft zu überzeugen. Der Rechtspopulist suche einen Sündenbock, um von der „Komplexität“ der Globalisierung abzulenken, er spreche vom „Volk“, um den „Modernisierungsverlierern“ ein positives Selbstbild zu vermitteln. Rechtspopulismus sollte derjenige Begriff sein, bei dem die Wähler in Schrecken geraten und zu den Altparteien fliehen.

Mit dieser Strategie sind die Linken in der Tretmühle gelandet. Der Vorwurf des Rechtspopulismus ist zuerst einmal eine Lüge im moralischen Sinn. Es sind nämlich die sog. Rechtspopulisten, die die Fakten auf ihrer Seite haben, warum sonst sollten sich die Linken so bemühen, die Statistiken in ihrem Sinne umzufälschen? Und sind es nicht die Linken, die ständig an primitive Gefühle und niedere Instinkte appellieren (Willkommenskultur, Wir schaffen das, Schutzbedürftige), um ihre größenwahnsinnige Vision eines multikulturellen europäischen Superstaates an den einfachen Mann zu bringen?

Die Rechtspopulisten, beschweren sich die Linksillusionisten immer wieder, sprechen eine Sprache, die das Volk versteht. Sie sprechen mit dem Volk, wie das Volk spricht. Das ist richtig und liegt daran, dass die Rechtspopulisten wahre Aussagen über Sachverhalte treffen, die es wirklich gibt. Sie sagen: Der Euro hat zur Krise geführt, weil er völlig verschiedene Wirtschaftsräume in eine einheitliche Währung zwängte. Sie sagen: Angela Merkel hat Europa ins Chaos gestürzt, indem sie massenweise Muslime im wehrfähigen Alter illegal nach Deutschland einwandern ließ. Sie präsentieren einfache Lösungen für einfache Probleme: Grenzen zu, Rückführung, Geldreform.

So ist Rechtspopulismus im Laufe der letzten Jahre von einem negativ zu einem positiv konnotierten Begriff geworden. Und zwar deshalb, weil er eine positive Erscheinung bezeichnet. Darüber hinaus ist er glücklich gewählt, weil er im Kern auf das Volk verweist („populus“), das unsere Politiker so gern austauschen oder loswerden würden. Populismus, das heißt: Politik für das Volk und nicht für das linke Establishment oder für ideologische Wahnvorstellungen.

Die Leute wollen Rechtspopulismus, sie wollen, dass Sprache und Wirklichkeit wieder zur Deckung kommen. Sie wollen eine Politik, die die Wirklichkeit verbessert, statt die Sprache zu schönen. „Rechtspopulismus“ ist als negative Fremdzuschreibung gescheitert. Die Linken haben unfreiwillig Marketing für uns betrieben, nun sollten wir den Begriff zur Selbstzuschreibung verwenden.

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Dimitrios Kisoudis

Dimitrios Kisoudis

Geboren 1981 in Öhringen/Hohenlohe, studierte Anthropologie, Romanistik und Hispanistik in Freiburg und Sevilla. Seine Magisterarbeit über "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche" veröffentlichte er 2008 als Buch. Neun Jahre lang hat Kisoudis als Publizist und Dokumentarfilmer gearbeitet, heute ist er politischer Berater im Europäischen Parlament. Weitere Buchveröffentlichungen: Solange das Imperium da ist: Carl Schmitt im Interview mit Klaus Figge und Dieter Groh, Duncker & Humblot 2010. Goldgrund Eurasien: Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom, Manuscriptum 2015. Was nun? Vom Sozialstaat zum Ordnungsstaat, Manuscriptum 2017.