Warum dieser Begriff nicht geeignet ist, unsere Probleme zu bewältigen

Wir drücken uns meistens in Metaphern aus. Selten bezeichnet ein Wort genau seinen Gegenstand. Das Wort „Stuhl“ gibt unmissverständlich zu verstehen, welches Möbelstück gemeint ist. Wenn jemand zwischen den Stühlen sitzt, dann ist das eine Metapher dafür, dass er sich zwischen zwei Positionen nicht entscheiden kann. Der „Stuhlgang“ ist eine Metonymie, er verweist auf den Gang zum Leibstuhl, durch dessen offenen Boden einst die Exkremente in den Nachttopf fielen. Statt dem unschönen Wort für die körperliche Ausscheidung bürgerte sich das schönere für das Möbelstück ein, das der Ausscheidung als Gefäß diente. Auch der Lehrstuhl des Professors ist solch eine Metonymie, deren Ursprung im Wort noch mitschwingt.

Meistens geht der metaphorische oder metonymische Ursprung einer Bezeichnung mit der Zeit vergessen. Die Sprachgemeinschaft nimmt dann an, dass das Wort eigens für den Gegenstand „erfunden“ worden sei. Noch verzwickter gestaltet sich die Sprache der Wissenschaft. Um ihre Ergebnisse allgemeinverständlich zu formulieren, ist sie auf Bilder angewiesen. Ob das Bild tatsächlich einen Gegenstand zum Inhalt hat, lässt sich nach einiger Zeit kaum noch sagen. Die eine Wissenschaft borgt sich von der anderen einen Begriff, der Begriff wird zum Selbstläufer, und ist er oft genug verwendet worden, wird man ihm kaum noch los. So verhält es sich mit dem Begriff der „Integration“.

Stellen wir uns vor, sämtliche Staatsrechtler, Soziologen, Politiker und Journalisten hätten sich auf den Begriff der „Entropie“ eingeschworen, der aus der Physik kommt und aussagt, wie frei sich Moleküle und Atome in einem abgeschlossenen System anordnen. So würden die Verfassungsrichter in ihren Urteilen verkünden, der Staat müsse für eine möglichst große Entropie in der Gesellschaft sorgen. Die Soziologen würden sich mit Entropiehindernissen befassen, die die Deutschen den Migranten in den Weg legten. Die Politiker würden mit mehr Entropie um Stimmen werben, womit sie freilich eine gigantische Umverteilung von Steuergeld meinten. Und die Journalisten würden schreiben, dass Entropie auch eine Aufgabe der Bürger sei, die schon länger das Land bewohnten.

Weil Entropie aber ein Orchideenbegriff in der Sozialwissenschaft geblieben ist, finden wir diesen Sprachgebrauch absurd. Der Gebrauch des Begriffs „Integration“ ist zwar ebenso absurd, wird aber allgemein akzeptiert. Und zwar nicht nur vom Mainstream, sondern auch von den Alternativen unter den Medienschaffenden und Politiktreibenden. Da er mit einer völlig verkorksten Wirklichkeit in Verbindung steht, sollten wir diesen Begriff einmal überdenken.

Der Begriff der „Integration“ ist in vielen Wissenschaften beliebt, wie man sofort bei Wikipedia nachschlagen kann. In der Mathematik bezeichnet er die Berechnung von Integralen bei der Analyse. In der Biologie sagt er aus, wie stark sich verschiedene Merkmale eines Organismus in der Evolution gemeinsam verändern. In der Technik bezeichnet er die Zusammensetzung von Modulen, in der Informatik die Verknüpfung von Daten, Anwendungen oder Prozessen. In der politischen Sprache hat der Verfassungsrechtler Rudolf Smend den Begriff der Integration in den Zwanzigerjahren geprägt, um die Dialektik zwischen Individuum und Gesellschaft zugunsten der Gesellschaft zu entscheiden.

Smend zufolge ist es der Staat, dem die Aufgabe zukommt, die Individuen zur Gesellschaft zu integrieren, etwa mittels gemeinsamer Werte, die in der Verfassung niedergelegt sind. Die so entstehende Wertegemeinschaft ist sowohl Staat als auch Gesellschaft. Sie verhindert, dass das Ganze, in unserem Fall Deutschland, wieder in seine Einzelteile zerfällt. Smend meinte damals das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und seinen Ländern. Nach der Einwanderung türkischer und arabischer Muslime glaubte man immer öfter, das Zusammenleben mit diesen Menschen auf den Begriff der Integration bringen zu müssen.

Bemerken die Politiker und Journalisten nun, dass es mit der Ganzheit nicht mehr so weit her ist, fordern sie bessere Integration. Ob nicht vielleicht das Staatsziel „Integration“ selbst das Problem sein könnte, bleibt unhinterfragt, bis der Zerfall nicht mehr zu leugnen ist. Dann wird irgendein Wissenschaftler auf einen neuen Begriff kommen, und an die Integration wird sich fortan niemand mehr erinnern.

„Integration“ ist eine gefährliche Illusion. Sie legt nahe, dass Ganzheit entsteht, wenn der Staat seine Verfassung, speziell die Grundrechte, als Werte verkauft. Aber Grundrechte sind keine Werte, die dem Bürger eine Weltanschauung aufdrängen. Meinungsfreiheit oder Religionsfreiheit sind vielmehr Abwehrrechte, die verhindern sollen, dass sich der Staat in die entsprechenden Bereiche der Gesellschaft einmischt und die Bürger daran hindert, diese Freiheiten wahrzunehmen. Werden Grundrechte als Werte verstanden, treten Kontrollinstanzen auf den Plan, die darüber wachen, ob diese Werte in der Gesellschaft eingehalten werden. Wen diese Kontrolle trifft, ist dann nur noch eine Frage der Kräfteverhältnisse.

Doch das ist nicht alles. „Integration“ ist völlig unbrauchbar, wenn es darum geht, die jüngsten Wanderungsbewegungen gedanklich zu erfassen. Sie hüllt uns in den Wahn, dass eine heterogene Gesellschaft vom Staat in eine homogene verwandelt werden kann. Eine homogene Gesellschaft, in der Konflikte eine gewisse Schwelle nicht überschreiten, verdankt sich aber eher einem Ruhezustand, der mit geringer Wanderungsbewegung einhergeht. Für Eliten, die integrieren wollen, ist Zuwanderung allerdings eine Herausforderung, die in positivem Licht erscheint. Denn Integration kann nur gelingen, wo Ganzheit nicht mehr gegeben ist.

Den alternativen Eliten, die dem Zerfall entgegenwirken wollen, stellt sich ein ganz anderes Problem. An Jahrzehnte des Sprachgebrauchs gewöhnt, können sie nur schwer von der „Integration“ lassen, mag sich deren Unzulänglichkeit schon längst erwiesen haben, und zwar sowohl, was die Beschreibung der Wirklichkeit, als auch, was deren Bewältigung angeht. Sie geraten in Versuchung, auf die Schwierigkeiten oder das Scheitern der Integration aufmerksam zu machen, haben aber Probleme, der Integration ein neues, besseres Paradigma entgegenzusetzen, weil sie nicht über Wissenschaftler verfügen, die in ihren Disziplinen die nötigen Akzente setzen könnten.

Wir müssen also neu nachdenken. Ein Wort, das gesellschaftliche Zustände möglichst nicht-metaphorisch beschreibt und ihre Verbesserung mit einem großen Schatz an Erfahrung und Wissen einfordert, ist die „Ordnung“. Ordnung hat einen großen Vorteil. Sie braucht keine heterogene, konfliktreiche Gesellschaft, weil sie von der Flickschusterei dieser Konflikte (wie die Integration) profitieren würde. Ordnung denkt nicht vom Ziel, sondern vom Start her. Ordnung ist an der Vergangenheit orientiert, in der soziale Unterschiede unauffällig waren. Ordnung lässt die Dinge an ihrem natürlichen Platz und weist ihnen keine Stelle zu, die sie ohne staatliche Eingriffe niemals einnehmen würden.

Wo die Integration gescheitert ist, muss Ordnung her. Und die Aufgabe des Staates besteht darin, diese Ordnung zu gewährleisten. Nicht indem er den Bürgern eine Weltanschauung aufdrängt, die sie entweder schon lange haben oder niemals annehmen werden. Sondern indem er die Gewalt niederschlägt, damit die Gesellschaft in Ruhe und Sicherheit gedeihen kann.

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Dimitrios Kisoudis

Dimitrios Kisoudis

Geboren 1981 in Öhringen/Hohenlohe, studierte Anthropologie, Romanistik und Hispanistik in Freiburg und Sevilla. Seine Magisterarbeit über "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche" veröffentlichte er 2008 als Buch. Neun Jahre lang hat Kisoudis als Publizist und Dokumentarfilmer gearbeitet, heute ist er politischer Berater im Europäischen Parlament. Weitere Buchveröffentlichungen: Solange das Imperium da ist: Carl Schmitt im Interview mit Klaus Figge und Dieter Groh, Duncker & Humblot 2010. Goldgrund Eurasien: Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom, Manuscriptum 2015. Was nun? Vom Sozialstaat zum Ordnungsstaat, Manuscriptum 2017.