Abendbrot und Bierdurst, Bauhaus und Fußball, Sozialstaat und Wanderlust, all diese Dinge sind typisch deutsch, wir finden sie nämlich im Lexikon „Die deutsche Seele“ von Thea Dorn und Richard Wagner. Es existiert, das typisch Deutsche, und es lässt sich in einer Bestandsaufnahme aufzählen und umreißen. Wenn Sie einem Ausländer, der Deutschland liebt, ein schönes Geschenk machen wollen, empfehle ich dieses Buch.

Aber wie alle Länder ist Deutschland nicht nur eine Menge nationaler Elemente, es ist zuerst einmal ein Land der Stasis. Damit meine ich nicht die Staatssicherheit, mag auch sie eine typisch deutsche Einrichtung sein, die neuerdings ein Revival erfährt. Ich meine das griechische Wort, das gleichzeitig einen bewegungslosen Zustand und den inneren Aufruhr verschiedenartiger Elemente bezeichnet. Viele Länder erscheinen von außen als Einheit, hypostasiert sozusagen, erweisen sich aus der Betrachtung von innen aber als gespalten. Spanien zum Beispiel besteht aus zwei Ländern, einem streng katholischen und einem verbissen westlichen. Die Türkei ist gespalten zwischen Islam und weltlichem Kemalismus. Bei Deutschland liegt die Spaltung noch tiefer, sie umfasst ursprünglich Konfession, Region, Mentalität. Heute ist sie kaum noch wahrnehmbar, wirkt aber wie alle historischen Spaltungen in der Tiefe fort.

Deutschland ist Preußen (bzw. Hohenzollern) und Habsburg (bzw. Österreich). Deutschland ist evangelisch und katholisch, südlich und nördlich. Deutschland, das sind die Staufer und die Welfen, die kaiserlichen Waiblinger und die päpstlichen Braunschweiger. Allerdings liegt in dieser Spaltung auch ein Ungleichgewicht. Der eine Teil: katholisch, südlich, österreichisch, er war immer mehr als deutsch, er verband Deutschland mit der Welt und lockerte die typisch deutsche Schwere und Steifheit mit mediterraner Lebensart auf. Der andere Teil hingegen war nur-deutsch: Luther erfand eine deutsche Religion, arbeitete zugleich eine deutsche Sprache aus; die Hohenzollern zogen aus, das zuletzt von den Habsburgern beherrschte Reich (in dem einst die Sonne nicht unterging, vom Atlantik bis zum Pazifik) zu erneuern. Was sie schufen, war allerdings ein deutscher Nationalstaat, von Preußen geprägt, mit wenig Raum für das andere, nunmehr geheime Deutschland.

Im Kulturkampf brach der Spalt zwischen den beiden Deutschlanden eine Zeitlang auf, wie zuvor in größerem Ausmaß im Dreißigjährigen Krieg. Bismarck ließ die Katholiken am Rhein nicht nach ihrem kanonischen Recht der Kirche die Ehen schließen. Seither dürfen alle übertriebenen Einheitsvorstellungen als typisch deutsch im schlechten Sinne gelten: Integration durch Werte hieß diese Vereinheitlichung schon bald, heißt sie immer noch, nur dass mittlerweile aus dem Deutschen hinausintegriert wird statt ins Deutsche hinein. Manche wollen dieser Des-Integration entfliehen, indem sie sich ans Nationale klammern, ans Kleindeutsche. Aber das Deutsche im guten Sinne war immer mehr als nur-deutsch. Friedrich II. war Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und König von Sizilien. Das Sinnbild seiner überdeutschen — also sehr deutschen — Herrschaft errichtete er in Apulien: das Castel del Monte, das sämtliche Denkmäler zu Ehren Bismarcks oder Wilhelms I. zwar nicht in den Schatten stellt, ihnen aber doch die Sonne stiehlt.

Einst wird der Stauferkaiser zurückkehren, Friedrich II. oder Friedrich I. Barbarossa, verspricht die Sage. Sollte dies geschehen, so wissen wir nicht, ob er wirklich dem Kyffhäuserberg entsteigt. Er könnte auch von der Alta Murgia, der Hochebene in Apulien, kommen. Vielleicht spricht er in erster Sprache nicht Deutsch, sondern Italienisch. Oder Griechisch. Oder Serbokroatisch oder Russisch. All diese Sprachen sind besonders in Süddeutschland fester Teil der deutschen Ökumene. Und wenn es darum geht, den Bestand des typisch Deutschen zu verteidigen, rate ich Ihnen: Sehen Sie nicht alles so eng. Deutschland ist älter als der homogene Nationalstaat. Und zwar um 900 Jahre.

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Dimitrios Kisoudis

Dimitrios Kisoudis

Geboren 1981 in Öhringen/Hohenlohe, studierte Anthropologie, Romanistik und Hispanistik in Freiburg und Sevilla. Seine Magisterarbeit über "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche" veröffentlichte er 2008 als Buch. Neun Jahre lang hat Kisoudis als Publizist und Dokumentarfilmer gearbeitet, heute ist er politischer Berater im Europäischen Parlament. Weitere Buchveröffentlichungen: Solange das Imperium da ist: Carl Schmitt im Interview mit Klaus Figge und Dieter Groh, Duncker & Humblot 2010. Goldgrund Eurasien: Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom, Manuscriptum 2015. Was nun? Vom Sozialstaat zum Ordnungsstaat, Manuscriptum 2017.
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