Politiker, Intellektuelle, Armutsforscher, aber auch großherzige Promis diskutieren immer wieder ohne ersichtlichen Erkenntnisgewinn die Frage, was denn nun genau Armut verursacht. Es heißt, die Schere zwischen Arm und Reich gehe auseinander und Armut sei in diesem Jahr so verbreitet wie nie zuvor. Ursache sei, dass der Staat nicht ausgiebig genug investiere.

Schuld sei die Austeritätspolitik oder das Nicht-Betätigen bestimmter Hebel, ob Mindestlohn, Einwanderung, Gesetze oder fehlende Subventionen, der Kapitalismus oder wahlweise auch der Neo-Liberalismus sei die Ursache. Meist kommt der Vorwurf der ungerechten Verteilung aus den Kreisen der linken Opposition und verstummt so schlagartig, wie er erhoben wurde, sobald die erste Hälfte einer Legislaturperiode in Regierungsbeteiligung verstrichen ist.

Was ist der Auslöser für den Sinneswandel? Ändert sich die Meinung der Genossen, weil sie jene Probleme gelöst haben, die sie einst kritisiert hatten? Wohl eher nicht.

Der deutsche Staat hat sich massiv verändert seit Ludwig Erhard, der die Rahmenbedingungen für das sogenannte Wirtschaftswunder schuf. Sozialromantiker haben diese Rahmenbedingungen verändert oder sogar verkrüppelt. Sie wollten die Lebensbedingungen verbessern, indem sie dem Staat immer mehr die Rolle des Umverteilers zuwiesen. Ich hingegen behaupte, dass Deutschland nicht wegen dieser Veränderungen, sondern trotz ihnen auf dem globalen Parkett noch recht vernünftig dasteht.

Wir haben den Wohlstand keiner Partei und keiner Regulierung zu verdanken, sondern dem Fleiß des einfachen Arbeiters, dem kreativen Ingenieur, dem fordernden und fördernden Lehrer und jeder erfolgreichen Geschäftsstrategie. Dennoch macht sich die Regierung jede Errungenschaft der Industrie und somit des steuerzahlenden Bürgers zu eigen. Versagt die ideologisch getriebene „Wirtschaftspolitik“, so ist der Schuldige selbstverständlich der versagende Markt und der gefühlslose Kapitalist, der nicht wie der Staat ohne Konsequenzen Schulden anhäufen kann und daher mit den zur Verfügung stehenden Mitteln rational haushalten muss.

Warum also kommen wir der Ursache von Armut also nicht auf die Spur? Die Antwort ist schockierend simpel. Weil es die falsche Frage ist, denn nichts verursacht Armut.

Armut ist der ursprüngliche Zustand, der ‚Default‘ und der Ausgangspunkt. Gäbe es keine Arbeitsteilung, keinen Handel, keine Firmen und deren Inhaber, keine Bildung, keine Wohnungen und keine Infrastruktur, wäre man wieder an jenem Punkt, der absoluten Armut, angelangt.

Was verursacht Wohlstand?

So sollte im Umkehrschluss die richtige Frage lauten. Im Allgemeinen ist sie simpel zu beantworten: Mit Arbeitsteilung, freiwilligem Handel und der Abwesenheit eines Dritten, der in den freiwilligen Handel und in freiwillige Verträge eingreift. Nehmen wir ein Beispiel:

Heiko und Angela wollen Handel treiben. Für Heiko ist das Produkt, das Angela anbietet, geringfügig mehr wert als der Preis, den sie dafür verlangt. Beide treiben also Handel und haben dadurch einen Wert für sich geschaffen. Angela kann mit dem Geld mehr als mit dem Produkt anfangen, und Heiko ist mit dem Produkt glücklicher als mit dem Geld, mit dem er dieses begleicht. Kommt nun ein Dritter ins Spiel, der an diesem Handel partizipieren und einen Teil des Umsatzes haben möchte, verschiebt sich dieses Gleichgewicht ins Kontraproduktive. Da Heiko nun mehr zahlen müsste, um das Produkt von Angela zu kaufen, und nun den Nutzen des Produkts geringer schätzt als den des Geldes, wird er den Handel nicht mehr eingehen. Möglicher Wohlstand wurde durch Eingriffe des Staates somit vernichtet, bevor er entstehen konnte.

Neben der direkten Folge eines solchen Eingriffs ergeben sich weitere. Der Produzent setzt weniger Produkte um und muss somit die Allgemeinkosten, wie beispielsweise Verwaltungs-, Entwicklungs- und Standortkosten, auf den Stückpreis seiner Produkte aufschlagen. Dies führt unweigerlich zu einem geringeren Umsatz und gefährdet Jobs oder vernichtet die gesamte Geschäftsgrundlage. Es wird verhindert, dass Wohlstand entsteht. Dabei können diese Folgen allmählich oder abrupt auftreten. Würde man eine Rohrzange in ein funktionsfähiges Getriebe werfen, wären die Folgen offensichtlicher und kurzfristiger, als wenn man lediglich Sand in ein Getriebe geben würde. Letztendlich bleibt jedoch die Gewissheit, dass das Getriebe einen Schaden erleiden wird.

So wenig Staat wie nötig, so viel Freiheit wie möglich.

Um in einer Demokratie die Grundbedürfnisse, nämlich Nahrung und Unterkunft, derer zu gewährleisten, die nicht in der Lage dazu sind, sich selbst zu versorgen, bedarf es einer geringfügigen Umverteilung. Linke erlagen allerdings dem Irrtum, man könne den Wohlstand einer ganzen Gesellschaft über Umverteilung herstellen. Vergessen wurde dabei, dass Ressourcen knapp sind und nur ein Individuum die eigenen Bedürfnisse in Gänze kennt. An dieser Gesetzmäßigkeit könnte kein staatlicher Eingriff jemals etwas ändern. Nichtsdestotrotz wurde über die letzten Jahrzehnte eben dies versucht, wie in einem Versuchslabor.

Man versuchte dem Bürger einzutrichtern, dass Rekordsteuereinnahmen etwas Großartiges und ein Grund zur Freude seien, als würde Umverteilung den Reichtum vergrößern. Dieser Versuch nähert sich allerdings allmählich seinem Ende. Man hat die Belastbarkeit des einfachen Bürgers, der Arbeiter, der Unternehmer und der Gesellschaft als Ganzer überstrapaziert. Die Umverteilungsmaschinerie ist zu gierig geworden und wird bald an jenem Punkt angelangt sein, an dem sie mehr Ressourcen zerfrisst, als die Volkswirtschaft verkraften könnte.

Auch ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch sich all seine Träume erfüllen könnte. Aber bevor man falsche Versprechungen äußert, die nicht Wohlstand, sondern Armut, Ungerechtigkeit und Unfreiheit zur Folge haben, lasse ich mich lieber als kaltherzigen Kapitalisten bezeichnen und sorge dafür, dass man das Bestmögliche aus der realen Situation und den Ressourcen macht, die uns zur Verfügung stehen. Ludwig von Mises, der Ökonom der Österreichischen Schule, beschrieb es wie folgt:

„Liberalismus und Kapitalismus wenden sich an den kühlen, ruhig abwägenden Verstand, sie gehen streng logisch vor, sie schalten mit Bewusstsein alles aus, was nur zum Gefühl spricht. Anders der Sozialismus. Er sucht durch Gefühlseindrücke zu wirken, will die logische Erwägung durch Erregung des Interesses vergewaltigen, die Stimme der Vernunft durch Erweckung primitiverer Instinkte übertönen. Das alles scheint dem Sozialismus schon bei den geistig Höherstehenden, den wenigen, die selbständigen Nachdenkens fähig sind, einen Vorsprung zu geben; bei den übrigen, bei der großen Masse, die nicht denken kann, könne, meint man, seine Stellung überhaupt nicht erschüttert werden. Wer die Instinkte der Massen aufpeitsche, habe immer mehr Aussicht auf Erfolg als der, der zu ihrem Verstand sprechen will.“

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Christopher Seidemann

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